30 Jahre Mauerfall


Die deutsche Einheit im Privaten

Statistisch gesehen sind Partnerschaften zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch selten. Das Phänomen fasziniert trotzdem viele.

Drei Gespräche über Ost-West-Liebe

Von Marlen Keß

Foto: Andreas Endermann

Brigitte Rennert und Klaus Rennert-Zentis, Neuss

Brigitte Rennert, 47, ist in Erfurt aufgewachsen und arbeitet als Laborleiterin in Solingen. Klaus Rennert-Zentis, 50, ist in Neuss aufgewachsen und Hausmann. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Neuss.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Brigitte Rennert

Ich bin 1991 zum Studium in die alten Bundesländer gegangen, zuerst nach Tübingen, dann nach Bonn. In der ehemaligen DDR gab es zu wenig Sicherheit, seinen Abschluss dann auch tatsächlich machen zu können – und ob dieser anerkannt wird. Wir haben uns 1994 auf einer Mathematiker-Party in Bonn kennengelernt. Ich bin auf Klaus zugegangen und habe noch am ersten Abend versucht, ihm das Tanzen beizubringen 💃.

Klaus Rennert-Zentis

Und ich habe nachts noch Spaghetti gekocht 🍝. Wir sind schnell ein Paar geworden und haben 1999 geheiratet 🥰.

Ihre familiäre Konstellation – sie berufstätig, er Hausmann – ist heutzutage immer noch ungewöhnlich. Werden Sie oft darauf angesprochen?

Klaus Rennert-Zentis

Meine Mutter fragt bis heute, wann ich eigentlich wieder arbeiten gehe. Ansonsten wird das Thema aber eher totgeschwiegen 😶. Für mich war das nie eine große Sache, auch wenn es in Kindergarten und Schule öfter mal Probleme gab, weil die Erzieher und Lehrer nicht darauf eingestellt sind, fast alles mit dem Vater zu besprechen.

Brigitte Rennert

Für mich war von vorneherein klar, dass ich immer arbeiten werde, das war in der DDR so üblich. Bis heute ist es aber so, dass ich in meinem technischen Beruf eine von wenigen Frauen bin, gerade auch in einer Leitungsfunktion. Dass hier darüber überhaupt noch diskutiert wird, wundert mich 😳. Wir haben offen darüber gesprochen und für uns die beste Lösung gefunden. Wir fühlen uns wohl, manchmal gibt es aber vor allem für Klaus schon blöde Sprüche🤬.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Brigitte Rennert

Meine Mutter ist am 8. November 45 geworden, wir haben in einem Thüringer Waldlokal gefeiert und irgendwann die Nachrichten angemacht. Mit 40 Leuten saßen wir dann die ganze Nacht davor, dachten aber zuerst, da läuft ein Film. Dann war die Euphorie groß 🤩. Ich hatte eine klassische DDR-Jugend mit Jugendweihe und Pionieren, meine Familie hat keine Repressalien erlebt – die Grenzöffnung war für uns aber trotzdem eine große Sache. Am Anfang haben wir gedacht, das ist bestimmt nur für eine kurze Zeit. Richtig realisiert haben wir es erst, als wir am nächsten Tag wandern waren und auf der A4 zwischen Eisenach und Hersfeld die vielen 🚗🚕🚙 Autos auf dem Weg in den Westen gesehen haben. In diesem Jahr feiern wir ihren 75. Geburtstag - wieder in der „Tanzbuche“ in Thüringen.

Klaus Rennert-Zentis

Für mich war das eine Nachricht wie viele andere, richtig berührt hat es mich nicht 😐. Unseren Kindern haben wir aber von dieser Zeit erzählt und sind da auch sehr offen, etwa, wenn wir über die ehemalige Grenze fahren.

Der Soziologe Daniel Lois beschäftigt sich seit Jahren mit Ost-West-Paaren und sagt: "Es ist spannend, was passiert, wenn unterschiedlich sozialisierte Personen eine Partnerschaft eingehen."

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Sie gelten als lebender Beweis für die Wiedervereinigung – oder, wie es der damalige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ausgedrückt hat, als „Symbol dafür, dass es sich gelohnt hat, zu kämpfen, zu investieren und zu fördern“: deutsch-deutsche Paare. Sie sind aber selten. Laut Zahlen des Sozio-oekonomisches Panel machten Ost-West-Paare im Jahr 2009 bei den Ehen knapp zwei Prozent, bei den Partnerschaften rund elf Prozent aus. Zum Vergleich: 2017 waren laut Statistischem Bundesamt sieben Prozent der Paare binational, 80 Prozent von ihnen verheiratet. Aktuellere Zahlen zu Ost-West-Paaren gibt es nicht – der Soziologe Daniel Lois vermutet aber, dass es inzwischen mehr Paare sind. Fest steht für ihn, dass diese bis heute viele faszinieren: „Die Frage, was passiert, wenn zwei unterschiedlich sozialisierte Personen eine Partnerschaft eingehen, ist einfach spannend.“

Lois, der an der Universität der Bundeswehr in München lehrt, stammt aus der Nähe von Aachen und ist mit einer Frau aus Chemnitz verheiratet. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema und hat Daten von mehr als 1000 Ost-West-Paaren ausgewertet. Mehr als die Hälfte davon bestanden aus einer Ost-Frau und einem West-Mann, die in einem der alten Bundesländer lebten. „Die Frage war vor allem: Welches Konfliktpotenzial hat das, wenn so verschiedene Vorstellungen von Familienleben, Ehe, Arbeit aufeinandertreffen“, sagt Lois.

Ergebnis: Ost-West-Paare haben ein relativ hohes Trennungsrisiko. Sie sind, was die berufliche Arbeitsteilung angeht, modern und heiraten eher selten. Die Gründe dafür liegen laut der Studie unter anderem in den religiösen Differenzen vieler Paare. „Da können zum Beispiel Fragen aufkommen wie: Taufen wir unsere Kinder? Gehen sie zur Kommunion?“, sagt Lois.

Aber auch die unterschiedliche Familienpolitik in BRD und DDR sorge bei vielen Paaren für Konflikte: In der BRD sei etwa mit dem Ehegatten-Splitting eine traditionelle familiäre Konstellation mit berufstätigem Mann und der Frau in Teilzeit oder als Hausfrau gefördert worden. „In der DDR war es hingegen erwünscht, dass beide Partner auch mit Kindern voll berufstätig sind.“ Zudem spiele eine Rolle, dass Menschen, die aus den alten in die neuen Bundesländer gekommen seien, keinen Querschnitt der Bevölkerung darstellten. „Darunter waren mehr geschiedene Leute, die ohnehin eine höhere Trennungswahrscheinlichkeit haben, und bei den Frauen vor allem hochgebildete mit guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“ Das äußere sich auch im klischeehaften Bild der selbstbewussten und selbstständigen Ost-Frau.

Um dem Innenleben von Ost-West-Paaren besser auf den Grund gehen zu können, plant Lois eine qualitative Untersuchung mit tiefer gehenden Interviews, in denen es beispielsweise auch um die politische Einstellung der Partner gehen soll. Der Soziologe hält das Thema noch lange nicht für abgeschlossen: „Es gibt immer noch viele Unterschiede und derzeit auch wieder eine verstärkte Polarisierung zwischen Ost und West. Ich bin mir sicher, dass wir auch noch zum 40. Jahrestag des Mauerfalls über das Phänomen Ost-West-Paar sprechen werden.“

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Foto: Andreas Endermann

Katharina und Jürgen Thrandorf, Grevenbroich

Jürgen Thrandorf, 65, ist in Tröglitz bei Leipzig aufgewachsen und wurde 1974 nach einem Fluchtversuch festgenommen. Nach einem Jahr Gefängnis durfte er ausreisen und kam 1975 nach Düsseldorf. Katharina Thrandorf, 65, ist in Düsseldorf aufgewachsen. Das Paar hat zwei Töchter, ist in Rente und lebt in Grevenbroich.

Sie sind seit mehr als 40 Jahren verheiratet. War es damals Liebe auf den ersten Blick?

Katharina Thrandorf

Er hat mir sofort sehr gut gefallen 😍. Es war passenderweise die Nacht vom 2. auf den 3. Oktober, allerdings 1976, ein Abend in der Düsseldorfer Altstadt. Ich war mit einer Freundin dort und wir fanden ihn beide gut – er hat dann aber mich zum Tanzen aufgefordert 💃🕺.

Jürgen Thrandorf

Bei mir hat es sofort geknallt❤️❤️. Wir haben schon am ersten Abend stundenlang erzählt.

Katharina Thrandorf

Seinen Dialekt fand ich am Anfang schon etwas komisch 😂, das muss ich zugeben. Aber zum Glück hat sich das im Laufe der Zeit gelegt. Geheiratet haben wir 1977, nach gerade einmal 14 Monaten Beziehung. Es hat einfach gepasst und tut es bis heute.

Obwohl Sie ja sehr unterschiedlich aufgewachsen sind. Hat das jemals zu Konflikten geführt?

Jürgen Thrandorf

Nein, eigentlich nicht. Meine Frau wollte die Kinder immer etwas weniger autoritär erziehen als ich, aber ansonsten kann ich mich da an kaum etwas erinnern 🤔. Wir hatten schon immer sehr ähnliche Interessen, das Reisen zum Beispiel, und kommen gut miteinander aus. In unserem Betrieb, einer Schreinerei, haben wir jeden Tag zusammengearbeitet und uns trotzdem abends nicht miteinander gelangweilt.

Katharina Thrandorf

Als die Mauer gefallen ist, wollte ich sofort nach Berlin fahren, um mir das anzusehen – Jürgen aber nicht, das war ihm zu emotional. Manchmal gibt es politische Diskussionen mit seinen Geschwistern, die heute noch in der ehemaligen DDR leben, zum Beispiel über die AfD. Das hat sicher etwas mit der unterschiedlichen Sozialisation zu tun. Aber zwischen uns beiden war es immer schon sehr harmonisch 😍.

Spielt die deutsch-deutsche Teilung für Sie heute noch eine Rolle?

Jürgen Thrandorf

Mich hat die Unterdrückung in der DDR schon sehr geprägt. Ich hatte wenig Selbstbewusstsein, darauf und auf freie Entfaltung war das System einfach nicht ausgelegt. Das wurde durch den Gefängnisaufenthalt nach meinem Fluchtversuch noch weniger. Wohl auch deshalb ist mir die Freiheit bis heute das höchste Gut 💎. Und eine Grenze durch Deutschland darf es nie wieder geben. Teile meiner Familie wohnen bis heute in der ehemaligen DDR, das Thema ist also schon noch präsent. Ich habe mich hier im Rheinland aber sofort heimisch gefühlt, ich mag die Mentalität und bin ein richtiger Wessi geworden 😂.

Katharina Thrandorf

Wir reden über das Thema mit unseren Töchtern und Enkeln, und ich habe auch ein Buch über Jürgens Geschichte und die unserer Familie geschrieben 🖋📖. In vielen Köpfen ist die Teilung auf jeden Fall noch drin, auch nach 30 Jahren noch.

Jürgen Thrandorf

Ich würde mir wünschen, dass die Grenzen auch in den Köpfen verschwindet, dass die Vergleiche aufhören – und dass Ost und West irgendwann nur noch Himmelsrichtungen sind 🤝.

Foto: Andreas Endermann

Brunhild und Dr. Stephan Lipski, Hilden

Dr. Stephan Lipski, 82, ist im polnischen Lódz geboren worden und in Frankfurt/Oder aufgewachsen. 1960 flüchtete der Gymnasiallehrer in den Westen. Brunhild Lipski, 80, ist in Wuppertal aufgewachsen und hat als Grundschullehrerin gearbeitet. Das Paar hat zwei Kinder und zwei Enkelinnen und lebt in Hilden.

War es für Ihre Familien schwierig, dass Sie sich einen Partner aus dem „anderen Deutschland“ gesucht haben?

Dr. Stephan Lipski

Unsere Eltern haben sich von Anfang an gut verstanden❤️ und wir haben uns ja schon 1961 kennengelernt – also lange vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Die Teilung war in dieser Familie über drei Generationen hinweg eigentlich nie ein Thema - auch wenn sie unsere Geschichte natürlich geprägt hat. So konnte meine Mutter beispielsweise nicht zu unserer Hochzeit kommen, die wir 1965 in Düsseldorf gefeiert haben. Sie durfte nicht ausreisen ❌, wohl auch, um sicherzugehen, dass mein Vater wieder zurückkommt.

Brunhild Lipski

Wir sind beide in evangelischen Elternhäusern aufgewachsen, das hat uns und unsere Familien von Anfang an sehr verbunden. Die Sozialisierung war ähnlich und die Gemeinsamkeiten dadurch immer schon stärker als die Unterschiede.

Dr. Stephan Lipski

Die Konfession war auch einer der Gründe für meine Flucht ⛪️🏃‍♂️🏃‍♀️ . In der DDR hatten es Christen schwer und ich gehörte schon in der Uni in Leipzig zur studentischen Opposition. Nach meinem Abschluss habe ich ein Jahr als Lehrer in Brandenburg an der Havel gearbeitet, bis mich Kollegen darauf aufmerksam gemacht haben, dass Gefahr drohen könnte. Die Mauer stand damals noch nicht, ich bin dann über Berlin geflohen und nach Wuppertal gekommen, wo wir uns 1961 auf einer Party kennengelernt haben 🎉👩‍❤️‍💋‍👨.

Sind Sie als Familie jemals in der DDR zu Besuch gewesen?

Brunhild Lipski

Sehr oft sogar, auch mit unseren Kindern. Wir haben dort auch Freunde, eine Freundin von mir beispielsweise lebt seit vielen Jahren in Berlin, Studienfreunde von Stephan in Leipzig. Beide haben wir schon oft besucht 🚗– auch als diese eigentlich gar keinen West-Besuch haben durften. Aber wir haben uns arrangiert, zum Beispiel ein paar Straßen weiter geparkt.

Dr. Stephan Lipski

Der Kontakt war immer da, mit Briefen und Besuchen. Unser erstes gesamtdeutsches Fest haben wir dann 1990 gefeiert 🇩🇪, unsere Silberhochzeit. Da war meine Mutter leider schon tot, aber viele Familienangehörige und Freunde waren da. Danach haben wir einige Freunde aus der ehemaligen DDR für eine Woche nach Ostfriesland eingeladen – und auch da war schnell klar: Wir gehören zusammen ❤️.

Würden Sie sagen, dass Sie es schwerer hatten als andere Paare?

Brunhild Lipski

Nein. Früher war ja vieles anders und nicht immer hatte es mit Ost/West zu tun. Zum Beispiel haben wir bis nach der Hochzeit nicht zusammengewohnt – unter anderem, weil ich im Studium in Bonn bei einer Wirtin wohnte, die Herrenbesuch nicht gerne sah 😤 und ich als frischgebackene Lehrerin nach Rheinhausen versetzt wurde. Erst ein halbes Jahr nach der Hochzeit haben wir unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen🏠👫. Aber wir haben immer das Beste draus gemacht.

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Von Marlen Keß (Text), Phil Ninh (Design und Programmierung)


RP ONLINE, 09.11.2019

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