Signaltöne von Apps


Der Sound des Homeoffice



Email, Slack, SMS: Jede App hat ihren eigenen Signalton. Das kann ganz schön stressig sein. Muss es aber nicht.

Irgendwann saß ich da und dachte: Homeoffice ist wie Konzert. Es piept, klickt, ploppt und zischt. Fast jede App hat nämlich einen eigenen Benachrichtigungston: Email, SMS, Nachrichten, Messenger, Facetime, Twitter. Ich möchte sie dirigieren, große Sinfonie für digitales Kammerorchester und Monitor, die Tastatur als Klavier, die Maus ein Taktstock. Nur leider: Die Sounds sind nicht zur Entspannung gemacht, im Gegenteil: Sie dirigieren mich.

Jeder Ton soll uns darauf aufmerksam machen, dass jemand etwas von uns will. Dass die Zeit drängt oder noch mehr Aufgaben zu erledigen sind. „Funktionale Klänge“ nennt man die Familie, zu der die Signaltöne von Büro-Apps wie Slack, Mail, Skype und Nachrichten gehören. Sie unterstützen unser Handeln, sie sind rein zweckgebunden. Sie wirken wie ein akustisches Logo, sie erklingen höchstens zwei oder drei Sekunden lang. Und ihre Verwandten sind das Schrillen des Weckers, das Piepgeräusch, wenn die elektrische Zahnbürste fertig ist, und das Warnsignal, bevor sich die Türen der U-Bahn schließen.

Was tönt denn da?
Klicken Sie auf die Laute 🔈🎶🗯


Diese Benachrichtigungstöne könnte man als das Metronom im Leben eines Arbeitnehmers bezeichnen. Sie geben den Rhythmus der Stunden im Job vor: Tanz den Kapitalismus. Und wer im Homeoffice sitzt und auch noch das Smartphone neben dem Computer liegen hat, verdoppelt den Soundbeschuss: Das Handy wird zum Echo, zum Duettpartner des PC. Für Handys sind diese Klänge denn ursprünglich auch komponiert worden, sagt Tom Blankenberg. Er ist Komponist und Sounddesigner in Düsseldorf, und er sagt:

„Bass spielt hier meistens keine Rolle. Die Töne müssen möglichst hoch klingen, damit sie durchdringen und die Klangkulisse im Büro oder im Lokal übertönen. Es geht ausschließlich darum, Aufmerksamkeit herzustellen.“

Wer widerständig ist, schaltet den Benachrichtigungston einfach aus. Aber man kann ihn auch umdeuten. Versuchen, das Gute darin zu sehen. Sich einrichten im Alarm. Erinnert sich noch jemand an das Signal von ? Für mich ist es das schönste Soundlogo aller Zeiten. Die Greta Garbo der Produktivitätstöne sozusagen. Brian Eno hat es komponiert. Microsoft gab ihm ein paar Begriffe an die Hand. So möge das Stück klingen, baten sie: sentimental, emotional, futuristisch, optimistisch, inspirierend. Eno fertigte 84 Stücke. Er fand, dass das, was viele von uns noch im Ohr haben, am besten zu den Vorgaben passte. Es dauerte fast sechs Sekunden, also rund doppelt so lange wie Microsoft es bestellt hatte. Aber das war egal. Bei Youtube findet man diesen Sound, und herrlich sind die Kommentare darunter: „Ich werf meinen PC weg und nehm den von 1995.“ Unbedingt empfehlenswert ist auch die um 2300 Prozent verlangsamte Version dieses Stücks - ebenfalls bei YouTube zu finden. Sie dauert 2 Minuten und 32 Sekunden, und ehrlich: Sie ist wunderschön.


Meine aktuellen Lieblingssounds sind zum einen der von . Wobei ich sagen muss, dass der Sound an sich gar nicht so schön ist: eine Mischung aus rhythmischem „Dü-Dödö“ und hereinwehendem digitalem „Kuckuck“-Ruf. Aber dieser Klang ist aufgeladen mit Sehnsucht, Wiedersehensfreude und Heimweh. Wenn ich ihn höre, denke ich daran, wie Liebende, die sich auf unterschiedlichen Kontinenten aufhalten, die paar Sekunden bis zum Erscheinen des Bildes der geliebten Person dasitzen und diese Töne hören. Oder Familien, die auf Zeit getrennt sind und per Skype Kontakt halten. An der Vorstellung kann ich mich wärmen. Selbst im Büro. Und, auch schön: die Benachrichtigungs-App . Ein Schnalzen, das sich zum Ende hin überschlägt. Im Grunde die lautmalerische Entsprechung des App-Namens. Onomatopoesie nennt man es, wenn man außersprachliche Schallereignisse sprachlich nachahmt. Auf Deutsch: Schallwortbildung. „Ticktack“ für das Ticken einer Uhr etwa. Passend dazu sagen ja viele Kollegen, dass sie einen gleich „anschlecken“ werden, wenn sie meinen, dass sie später per Slack etwas senden. Anschlecken, Hihi. Bürohumor halt.

Der Futurist Luigi Russoli verfasste über die Geräusche, die unseren Alltag beherrschen, bereits vor mehr als 100 Jahren eine grundlegende Abhandlung. „Die Geräuschkunst“ heißt sie, sie erschien 1916, und sie gilt noch heute als Inspiration für Musiker aus den Bereichen Electro, Techno und Industrial.

„Das Leben früher war nichts als Stille“

, schrieb Russoli. Erst „im 19. Jahrhundert, mit der Erfindung der Maschinen, entstand das Geräusch. Heute triumphiert das Geräusch und beherrscht uneingeschränkt die Empfindung der Menschen.“

Russoli grenzte den „Geräusch-Ton“ vom „heiligen Ton“ ab, jenem ersten Ton, den die Menschen auf einer gespannten Saite oder einem hohlen Rohr zustandsgebracht haben. Russoli unterschied sechs Familien von Geräuschen: brummen, pfeifen, surren, kreischen, schlagen von Stahl und schrillen. Und er empfahl, diese Geräusche wie ein futuristisches Orchester zu betrachten. Dann werde es nicht so anstrengend, damit zu leben.

Bei einigen Apps kann man sich die Benachrichtigungstöne selbst aussuchen, bei etwa. Und das ist eine schöne Vorstellung, dass man das blöde Pling, das die Ankunft einer Mail signalisiert, durch Meeresrauschen ersetzt. Und das Piep für die SMS durch das Zwitschern exotischer Vögel und all die anderen Töne durch das Rauschen des Windes in einer Palme oder das Plätschern von Meerwasser.

Es würde den Arbeitstag verändern. Holiday im Homeoffice. Anschlecken erlaubt.

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Von Philipp Holstein (Text), Phil Ninh (Design und Programmierung), Martin Ferl & Phil Ninh (Grafik), ISTOCK (Foto)




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