Dirk Nowitzkis Karriereende

Der Größte geht

Geschrieben von Clemens Boisserée, Sebastian Fuhrmann und Tobias Jochheim
Gestaltet und programmiert von Phil Ninh

Mehr als 20 Jahre stand Dirk Nowitzki auf dem Basketball-Court. Er stellte Rekorde auf, gewann Auszeichnungen, führte die Nationalmannschaft an die Weltspitze und die Dallas Mavericks zur Meisterschaft. Jetzt beendet er seine Karriere. Eine Würdigung.


Unsere interaktive Karte zeigt alle 26.376 Würfe aus Dirk Nowitzkis Karriere


Der Schrank gleich links am Eingang der Kabine: leer. Die gewaltigen Schuhe in Größe 54: verschwunden. Das Trikot mit der Rückennummer 41: nur noch im Fanshop zu finden. Wäre Dirk Nowitzkis Karriere ein Film, so wäre dies wohl die letzte Szene vor dem Abspann.

“Das war mein letztes Heimspiel.” Im Lichtkegel der ansonsten abgedunkelten Halle stehend verkündet Nowitzki in der Nacht zum Mittwoch, was alle geahnt haben: Er tritt zurück. Für seine Dallas Mavericks, die NBA und für den Sport insgesamt endet eine einzigartige Ära. 

Bis zuletzt schmückten fast nur Nowitzkis Name und Gesicht die Werbebanner auf dem Weg in die Arena von Dallas sowie die meisten Artikel im Fanshop. Der Renner dort ist momentan ein T-Shirt mit einem Ziege-Aufdruck und Nowitzkis Rückennummer. Ziege heißt auf Englisch „Goat“, Abkürzung für: „Greatest of all time“, der Größte aller Zeiten.

Als solchen feiern sie Dirk in Dallas. Alle seine 1667 NBA-Spiele absolvierte Nowitzki für die Texaner. Dort entwickelte er sich von einem schlaksigen 19-Jährigen zum besten europäischen Basketballer aller Zeiten, wurde 2007 zum „wertvollsten Spieler der Liga“ gewählt und führte 2011 die Mavericks zu ihrer ersten und einzigen Meisterschaft. „Dirk Nowitzki ist die Dallas Mavericks“, hat Team-Besitzer Mark Cuban einmal gesagt.




Dirk Nowitzki: Eine Karriere wie ein schnulziger Film

Die Geschichte des Würzburgers liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch: Ein schüchterner Junge mit geheimnisvollem Mentor verlässt sein Elternhaus zwischen Weinbergen und findet nach vielen Rückschlägen neben sportlichem Erfolg auch die Liebe.

Den Anfang nimmt dieser Film 1994 in Würzburg. Bereits als 16-Jähriger darf Nowitzki mit dem Zweitliga-Team trainieren, wenig später entdeckt ihn Holger Geschwindner. Der kauzige Coach mit den Holzfällerhemden treibt ihn zu unkonventionellen Trainingseinheiten, lässt ihn etwa im Handstand durch die Halle laufen, fechten und rudern, versorgt ihn mit Büchern und Musik. Basketball-Autor André Voigt vergleicht die Beziehung zwischen dem ungewöhnlichen Trainer und dem manchmal zweifelnden Schüler mit dem Verhältnis von Lehrer und Lehrling in Kung-Fu-Filmen.

Geschwindner entdeckt auch den späteren Nationalspieler Demond Greene und holt ihn nach Würzburg. Dort kommt Greene zeitweise bei Oma Nowitzki unter. „Die Familie war für mich der erste Bezugspunkt. Sie hat mir geholfen, eine Ausbildungsstelle zu finden. Die Nowitzkis waren direkt vom ersten Tag an da, daraus ist eine Freundschaft gewachsen”, sagt der heute 39-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. “Damals wusste ich nicht viel über den Basketball in Europa und der Welt, ich kannte nur die NBA und Michael Jordan. Ich dachte damals nicht daran, dass Dirk mal einer der besten Spieler der Welt werden könnte.“



Dirk Nowitzkis Rookie-Jahr: Aller Karriere-Anfang in der NBA ist schwer

Dessen internationale Karriere beginnt im März 1998. Damals führt Nowitzki eine Jugend-Weltauswahl zum Sieg gegen die besten US-Teenager – er erzielt 33 Punkte und 14 Rebounds, fünf seiner Gegenspieler fliegen vom Platz, weil sie sich nur mit Fouls behelfen können. Drei Monate später nehmen die Dallas Mavericks Nowitzki unter Vertrag. Da sei ihm bewusst geworden, “dass Dirk alles erreichen kann”, sagt sein Kumpel Greene.

Zunächst aber erleidet Nowitzki 8350 Kilometer entfernt vom beschaulichen Würzburg einen Kulturschock: Viele NBA-Spieler sind millionenschwere Maulhelden, die Teambesitzer Milliardäre, Reporter und Fans gieren nach Superstars. Nowitzki will nur Basketball spielen.

In seiner ersten Saison wird der Neuling hart angegangen. Nur mit Mühe können ihn seine Vertrauten überreden zu bleiben anstatt aufzugeben und in Europa, auf niedrigerem Niveau, sein Glück zu suchen. In den Jahren danach aber wird er stetig besser. "Dirk ist stark, er ist intelligent. Er weiß, wie man spielt”, urteilt schließlich sogar Michael Jordan. Doch wie im Film üblich, muss der Hauptdarsteller vor dem Happy End zunächst an Niederlagen wachsen.

2006 trägt der damals 27-jährige Nowitzki seine Mavericks ins NBA-Finale gegen Miami. Vier Siege sind für den Titel nötig, Dallas gewinnt die ersten beiden Spiele und führt auch kurz vor Schluss der dritten Partie - doch dann folgt der Einbruch. Erst geht das Spiel an Miami, dann die Meisterschaft. In der Folge schafft es Nowitzki laut eigener Aussage “wochenlang nicht aus dem Haus”. Im Jahr darauf kommt es noch schlimmer: Als bestes Team der Hauptrunde fliegen die nun hoch gehandelten Mavericks bereits in der ersten Playoff-Runde raus – und wie zum Hohn muss Nowitzki wenige Tage später so tun, als freue er sich über die Trophäe für den wertvollsten Spieler der regulären Saison. Fluchtartig verlässt er Dallas, voller Frust, Fragen und Selbstzweifel; mit Geschwindner (damals 62) reist er ans Ende der Welt, ins australische Outback. Am Lagerfeuer findet er neue Kraft und Motivation. “Mein kleiner Kreis von Freunden und Verwandten hat mich immer aufgebaut, wenn ich am Boden war - und runtergeholt, wenn ich zu hoch geflogen bin”, sagt er heute.

NBA-Champion Dirk Nowitzki: Mit 32 auf dem Höhepunkt

In den nächsten Jahren spielt er immer effizienter, cooler, klüger - einen Titelgewinn aber traut ihm in den USA niemand mehr zu. Schon gar nicht 2011. Nowitzkis Erzrivalen Dwyane Wade steht in Miami nun unter anderem der weltbeste Spieler LeBron James zur Seite. “Wenn die mich angerufen hätten, hätte ich schon überlegen müssen”, gibt Nowitzki im Sommer 2010 zu. Aber er bleibt in Dallas, ohne Co-Star, mit Mitspielern, die anderswo als zu alt oder zu klein aussortiert worden waren. Unter Nowitzkis Führung pflügt das Team durch die Playoffs und trifft im Finale erneut auf Miami. Die Final-Revanche traut Dallas niemand zu, zumal sich Nowitzki mit einer gerissenen Sehne im Finger und einer fiebrigen Grippe plagt. Nach sechs Spielen reckt er dann doch den Pokal in die Höhe, und Hunderttausende feiern mit Nowitzki bei Paraden in Dallas und Würzburg, wo er „We are the Champions“ grölt, so schief wie schön.

Die Meisterschaft ist ein Triumph der Disziplin. “Jedes Jahr nur zwei trainingsfreie Wochen - und während der Saison kein Eis, kein Alkohol, keine Pizza”, sagt Nowitzki. Der Titel belohnt zugleich seine Loyalität zum nicht unumstrittenen Holger Geschwindner und den Dallas Mavericks.

In den Folgejahren geht es mit den Mavericks langsam bergab, Nowitzki aber sammelt mittlerweile emsig Meilensteine. Im März 2017, er ist mittlerweile 38, erzielt er als erst sechster Spieler überhaupt seinen 30.000-Karriere-Punkt – und das mit der für ihn typischen Aktion: eine Drehung weg vom Korb, gefolgt von einem Wurf im Zurückfallen über den Gegner hinweg ins Netz. Ein Wurf, nicht zu verteidigen. Auf der Tribüne vergießt Geschwindner Freudentränen. An genau diesem Wurf haben Nowitzki und er viele Sommer lang in einer stickigen Sporthalle in Franken gefeilt. Wegbegleiter Demond Greene sagt: „Geschwindner ist ein Wurf-Doktor, ein Wurf-Guru, ein Wurf-Genie, ein positiv Verrückter.“

Er ist auch dabei, als Nowitzki nun, acht Jahre nach der Meisterschaft, sein Karriereende verkündet. Der mittlerweile 40-Jährige verlässt die NBA als sechstbester Werfer der Geschichte, unter stehenden Ovationen und Respekt-Bekundungen der Mit- und Gegenspieler, Trainer, Experten und Fans von Boston bis Los Angeles, von Toronto bis Miami. Es ist sein zweiter Abschied dieser Art.

Info

Biografie


Dirk Werner Nowitzki wurde am 19. Juni 1978 in Würzburg geboren. Nach dem Abitur wird er zum Wehrdienst eingezogen, den er als Sportsoldat absolviert. Seit 2012 ist er mit der Galeristin Jessica Olsson verheiratet; das Paar hat eine Tochter und zwei Söhne.

Stationen 1994-1998: DJK Würzburg (Zweite und Erste Bundesliga), 1998-2019: Dallas Mavericks (NBA). 1997-2015: Nationalmannschaft.

Größte Erfolge WM-Bronze 2002, EM-Silber 2005, NBA-Titel 2011; dazu jeweils auch Auszeichnung als wertvollster Spieler (MVP).

NBA-Bilanz (Auswahl) 35.159 Punkte und 12.905 Rebounds in 57.162 Minuten, im Durchschnitt: 21 Punkte und 8 Rebounds in 40 Minuten. In der „Ewigen Top Ten“ der NBA u.a. in den Kategorien Punkte und Defensivrebounds, Freiwürfe, absolvierte Partien und Spielminuten.

Auszeichnungen (Auswahl) 14-facher NBA-All-Star, MVP der NBA 2007, Goldener Ehrenring des DBB 2007, Fahnenträger bei den Olympischen Spielen 2008; Sportler des Jahres und Silbernes Lorbeerblatt 2011, NBA-Teamkamerad des Jahres 2017.

Ewiger Topscorer des Nationalteams (3045 Punkte in 153 Spielen).

Einziger NBA-Spieler überhaupt mit mehr als 31.000 Punkten, 10.000 Rebounds, 3.000 Assists, 1.000 Steals, 1.000 Blocks und 1.000 Dreipunktwürfen.

Einer von nur sieben NBA-Spielern, die je eine Saison mit den quasi perfekten Wurfquoten von 50 (Feldwürfe), 40 (Dreipunktwürfe) und 90 (Freiwürfe) Prozent abschlossen.

Dirk Nowitzkis: Das Ende in der Nationalmannschaft

2015 steht Nowitzki im Mittelkreis der Berliner Arena, mit Tränen in den Augen. Gerade ist die Nationalmannschaft bei der Heim-EM in der Vorrunde ausgeschieden, das letzte Spiel gegen Spanien geht 76:77 verloren. Nach der Schlusssirene ist das jedoch vergessen. Auf den Rängen stehen 12.000 Fans und johlen, jubeln, schreien, klatschen für Dirk Nowitzki. „Das war mir fast ein wenig peinlich“, erinnert sich Nowitzki im Gespräch mit unserer Redaktion. Natürlich. Das Rampenlicht musste stets ihn finden, wann immer es ging, hielt er sich fern davon.

Vor der Verantwortung aber flieht er nie: Mehr als 150 Mal läuft Nowitzki für das Nationalteam auf - egal, wie sehr das seinem Arbeitgeber in Dallas missfällt. Hier wie dort geht er durch harte Jahre, in denen er der undankbaren Rolle des Über-Spielers nicht entkommen kann.

Bei der EM 2001 ist eine Medaille zum Greifen nah. Doch im Halbfinale gegen die türkischen Gastgeber entspinnt sich ein Drama: Nowitzki vergibt sieben Freiwürfe - zum ersten und einzigen Mal seiner Karriere - und fliegt zudem vom Feld. Deutschland landet auf Platz vier. Im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2002 leistet sich Nowitzki kurz vor Schluss gegen Argentinien einen entscheidenden Ballverlust. Dafür führt er das Team später im Spiel um Bronze gegen Neuseeland zur ersten (und bis heute einzigen) deutschen WM-Medaille. Zur EM 2003 reist das Team mit breiter Brust, scheitert aber noch vor dem Viertelfinale. Damit platzt auch der Traum von den Olympischen Spielen 2004.

Die EM 2005 in Serbien droht zum Desaster zu werden: Mehrere Schlüsselspieler fehlen verletzt, und Nowitzki hat damit zu kämpfen, dass sein Mentor Holger Geschwindner wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft sitzt. Zu manchem Training schleppt Nowitzki deshalb seine schwangere Schwester Silke mit in die Halle. Das Turnier aber dominiert er derart, dass Bogdan Tanjevic, der Trainer der Türkei, ihn mit Gott höchstpersönlich vergleicht. Erst im Finale gegen Griechenland ist Schluss, Deutschland holt Silber. Nowitzki erhält die Trophäe für den wertvollsten Spieler des Turniers - und Standing Ovations von 20.000 griechischen Fans. Mit einer weiteren Energieleistung bringt er das Nationalteam zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking, wo er beim Einzug die deutsche Flagge tragen darf.

Generation Dirk

"Er war einer von uns" – von Sebastian Fuhrmann

Ich sehe mich und meine Teamkollegen noch hinter dem Korb sitzen. 16 Jahre ist das inzwischen her. Wir alle haben Sonnenbrand, Dreck im Gesicht und suchen irgendwo ein wenig Schatten. Plötzlich hören wir von irgendwo, Dirk Nowitzki sei da. Also rennen wir zum Center-Court, und da ist er tatsächlich, der Mann, der uns täglich von den Postern in unseren Zimmern grüßt. Der Multimillionär trägt Joggingbuxe. Er gibt Autogramme, macht Späßchen, steht für Fotos bereit und versenkt ein paar Dreier. Er sitzt in der Jury des Slam-Dunk-Contests und hat sichtlich Spaß, obwohl er in der Sonne schwitzen muss wie verrückt. Wir schwitzen gemeinsam. Als Basketballer. An diesem Tag ist er einer von uns. Umso mehr fiebern wir in der Folge mit ihm. Als Dirk 2011 den lange ersehnten Titel holte, sahen wir uns an und fragten: Weißt du noch damals, beim Turnier am Fühlinger See?

"Ich konnte nicht anders, als sein Trikot zu tragen" – von Tobias Jochheim

Die Trikots der Größten tragen auf den Streetballplätzen meist die größten Gurken oder Gockel. Die Berufskleidung von Michael Jordan, LeBron James und Stephen Curry gilt geradezu als Warnsignal, früher auch die von Kobe Bryant und Allen Iverson. In Deutschland gehört Nowitzkis Trikot in dieselbe Kategorie. Die Besten spielen in einfarbigen Shirts oder im Dress von Spielern, die nicht jeder Erfolgsfan kennt. Mein absurd spielstarker Kumpel Dennis etwa schwört auf sein Reggie-Miller-Trikot. So gesehen passt es ins Bild, dass ich mein dunkelblaues Dallas-Trikot mit dem gestickten Nowitzki-Schriftzug überstreifte, wann immer ich auf den Platz oder in eine Halle stolperte. Theoretisch wusste ich es besser, praktisch aber konnte ich nicht anders. Obwohl oder gerade weil ich am Ball herzlich wenig konnte: nicht gut werfen, scharf passen oder sicher dribbeln, nicht hoch springen oder schnell rennen, nicht meine Mitspieler freiblocken oder mich selbst freilaufen. Fair jedoch war ich wie Dirk persönlich – wenn ich merkte, dass der Leistungsunterschied einfach zu groß war, verließ ich jedes Team. Mein Spaß am Spiel sollte nicht auf Kosten meiner Mitspieler gehen.

"Warten auf den einen Moment" – von Clemens Boisserée

Was habe ich früher über meine jüngere Schwester gelacht, als sie für das Konzert eines US-Popstars stundenlang vor der Halle wartete. Dann kam dieser Abend im November 2009 in Detroit. Ich war als Student in der Stadt - und Dirk Nowitzki mit seinen Dallas Mavericks. Mein Idol. Der Mensch, für den ich in Deutschland regelmäßig mitten in der Nacht aufstand um seine Spiele zu verfolgen. Und jetzt also: Nowitzki und ich an einem Ort, der Basketball-Arena von Detroit. Schon weit vor Spielbeginn harrte ich mit meinem Trikot in der Hand am Spielertunnel aus. Von Minute zu Minute wurde es voller, Menschen drängelnden, hatten teilweise Schuhe, Basketbälle und sonstiges Zeug dabei. Alle mit dem Ziel, den Gegenstand durch ein Nowitzki-Autogramm für alle Ewigkeit veredeln zu lassen. Dann folgte er, der Moment: Nowitzki erschien am Ausgang des Spielertunnels, ein älterer Mann schob sich vor mich, doch über zwei Meter Körpergröße hatten schon damals etwas Gutes: über den Mann gebeugt, drückte ich Nowitzki mein Trikot entgegen und rief ein paar mir nicht in Erinnerung gebliebene deutsche Worte hinterher. Tatsächlich griff der “lange Blonde” zu und setzte seine Unterschrift auf das Stoffstück und wünschte noch ein “viel Spaß” in meine Richtung. Diesen Augenblick konnte selbst die Meisterschaft 2011 nicht toppen. Unnötig zu erwähnen, dass das Trikot heute eingerahmt in meiner Wohnung steht.

"Autokorso morgens um 6" – von Markus Plüm

Beinahe jeder deutsche Basketball-Fan wird sagen können, was er am frühen Montagmorgen deutscher Zeit des 13. Juni 2011 getrieben hat. Und immer dürfte die Antwort lauten: Wir haben zugeschaut, wie Dirk Nowitzki in Spiel 6 der Finalserie gegen das eigentliche Überteam Miami Heat um LeBron James, Dwayne Wade und Chris Bosh wieder einmal über sich hinaus wuchs und sich mit den Dallas Mavericks den Traum vom NBA-Titel erfüllte.
Diese Nacht hat sich tief ins deutsche Basketball-Gedächtnis gebrannt – wie überhaupt die Gesamte Finalserie, in der Nowitzki allen Widrigkeiten trotzte: Im ersten Duell Spiel zog er sich einen Sehnenriss im linken Mittelfinger zu, in Spiel Vier spielte er trotz hohen Fiebers. Doch aufhalten konnte ihn das nicht. Und im sechsten Spiel war es schließlich so weit. Die Szene, wie sich das gesamte Mavericks-Team schon vor der Schlusssirene in die Arme fiel, nur Nowitzki – Rotz und Wasser heulend – im Kabinentrakt verschwand, ist heute legendär.
Und auch in Kamp-Lintfort, wo ich mit mehreren Freunden die entscheidende Partie verfolgt hatte, herrschte ausgelassene Freude. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass die Stadt von einem kleinen Autokorso, das sich gegen 6 Uhr morgens den Weg zum Freiplatz bahnte, geweckt wurde. Selbst die alarmierte Polizei drückte ein Auge zu, als sie den Grund für die Jubelfahrt erfuhr.

"Eine Reise zu Dirk" – von Sebastian Bergmann

Bremen also. Das war der Ort, an dem wir ihn zum ersten Mal sehen würden. Für ein Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Bosnien im Vorfeld der EM 2011 hatte sich der beste Spieler der zu diesem Zeitpunkt besten Mannschaft der Welt angekündigt: Dirk Nowitzki von den Dallas Mavericks. Das Zugticket von Duisburg in die Hansestadt hatten wir fix gebucht. In der Arena angekommen stellten wir fest, dass unsere Plätze tatsächlich so mies wie vermutet waren – gleich unter dem Hallendach. Doch als Nowitzki das Parkett betrat, die 10.000 Zuschauer frenetisch feierten, spielte das keine Rolle. Da war er nun. Hunderte Meter von uns entfernt, und doch so nah wie nie zuvor oder danach: Finals-MVP-Dirk. Und schon hatte sich die Reise gelohnt.

"Dabeisein ist alles" – von Florian Rinke

Meine Nowitzki-Momente sind keine Dreipunktwürfe, keine Dunks oder Blocks. Meine Nowitzki-Momente haben mit seinen Leistungen auf dem Platz nichts zu tun.

Ich habe irgendwann mal gelesen, dass Nowitzki bei den Olympischen Spielen in Peking im deutschen Dorf geschlafen hat, während die US-Mannschaft ein Luxushotel bevorzugte. Er begründete das damals damit, wenn ich mich richtig erinnere, dass er so viel wie möglich von dieser besonderen Stimmung miterleben wollte. Trotz all seiner Millionen, trotz des Lebens im Zirkus NBA hatte er sich den gleichen Respekt vor den Olympischen Spielen bewahrt, wie Kanuten oder Bogenschützen, die für ihren Traum von den Spielen ohne große finanzielle Entlohnung kämpfen müssen. Ich fand das großartig.

Beim zweiten Moment hatte ich Mitleid. Ich las im Internet davon, dass er auf eine Heiratsschwindlerin hereingefallen ist. Ich dachte damals: Das hat er nicht verdient, obwohl ich eigentlich gar nichts über ihn weiß.

Ich musste zuletzt an diese beiden Momente denken, als ich davon las, wie gegnerische Trainer und Fans ihn bei seinen Spielen zuletzt beklatscht haben. Natürlich feiern sie den Sportler Nowitzki als einen der größten aller Zeiten. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie noch ein bisschen mehr den Menschen Nowitzki feiern.

„Dirk war zur seiner Hochzeit mit der Nationalmannschaft einer der fünf besten Spieler der Welt, er war beeindruckend”, sagt Bundestrainer Henrik Rödl im Gespräch mit unserer Redaktion. 2002 standen der damals 33-jährige Rödl und der 24-jährige Nowitzki gemeinsam im WM-Kader. “Ich war der alte Mann, der unterstützt hat. Aber Dirk war von vorne bis hinten der Anführer.”

„Ihm war die richtige Einstellung im Training wichtig”, sagt Greene, der seit 2001 mehr als hundert Mal an Nowitzkis Seite für Deutschland spielte. “Da gab es kein Larifari. Immer 100 Prozent. Wenn er mitbekommen hat, dass einer nicht richtig Gas gegeben hat, dann hat er das angesprochen. Man hat sich nie ein schlechtes Training erlaubt. Alle wussten: Wenn ich nicht ordentlich trainiere, kriege ich vom großen Blonden einen auf den Deckel.“

Greene trainiert inzwischen die Reserve des FC Bayern München und gibt den Geist der Nowitzki-Generation an den Nachwuchs weiter. „Ich versuche, meinen Spielern etwas von damals mitzugeben. Ihnen die Geschichten von damals zu erzählen, die Geschichten dieser Generation“, sagt er. Dabei gehe es nicht nur um Sportliches, sondern auch um Charakter. „Seine Ehrlichkeit zeichnet Dirk aus, seine Art und Weise. Er ist auf dem Boden geblieben. Er ist keiner, der sich in den Mittelpunkt drängt.”


Dirk Nowitzki und sein Vermächtnis

Dirk Nowitzki hat den Basketball verändert. Das ist sein vielleicht wichtigstes Vermächtnis. Nie zuvor gab es einen Spieler, der trotz der gewaltigen Körpergröße so gut werfen konnte. “Ohne Nowitzki wäre ich ein anderer, ein schlechterer Spieler geworden”, sagt beispielsweise der 2,11 Meter große Chris Bosh im Gespräch mit unserer Redaktion. “Erst als Nowitzki in die Liga kam und die Trainer sahen wie er werfen konnte, haben sie auch uns erlaubt, häufiger aus der Distanz zu werfen”, sagt Bosh, im Finale 2011 Nowitzkis Gegenspieler. Bis dahin galten große Spieler vor allem als Arbeitstiere unter dem Korb.

Für diese Leistung werden sie Nowitzki in den USA schon bald in die „Hall of Fame“ – die Ruhmeshalle des Basketballs - berufen. Auch eine bronzene Statue vor der Arena in Dallas ist bereits in Planung. In Deutschland bildet Nowitzki sozusagen das “Best of” aller sonstigen Sporthelden: perfektionistisch wie Michael Schumacher und fair wie Max Schmeling. Magnetisch wie Franz Beckenbauer und bodenständig wie Timo Boll. Dabei wollte Nowitzki eigentlich nur vermeiden, den Malerbetrieb seines Vaters übernehmen zu müssen: “Dafür hatte ich zwei linke Hände; das wären lange 40 oder 50 Jahre geworden.”



Stattdessen wurde er zum Vorbild.

Menschlich, weil er mit seiner Stiftung die Bildung von Kindern und Jugendlichen fördert. Weil er jungen deutschen Talenten wie Moritz Wagner (21, Los Angeles Lakers) seine Handynummer gibt und sagt: “Die Jungs können mich jederzeit anrufen.” Und weil er im Laufe seiner Karriere nie das maximal mögliche Gehalt verlangte - und damit auf rund rund 200 Millionen Dollar verzichtete. Dass er dennoch 250 Millionen Dollar verdiente, merkt man ihm nicht an. Nowitzkis Bescheidenheit und Bodenständigkeit sind nicht vorgespielt.

Auch dank seiner Erfolge hat der deutsche Basketball-Bund heute mehr Mitglieder denn je (208.438). “Die aktuelle Generation übertrifft in Sachen Tiefe alles, was wir jemals in Deutschland hatten”, sagt Rödl. Auch nach Nowitzkis Abgang werden mindestens fünf deutsche Spieler in der NBA aktiv sein. Dazu kommen zahlreiche Nationalspieler bei europäischen Topvereinen. Vergangenes Jahr holte die U20 EM-Bronze. “Wir haben die Nach-Nowitzki-Generation an den Start gebracht. Mit ihr wollen und können wir uns in der europäischen Spitze festsetzen - auch langfristig”, sagt Rödl. Das wird auch nötig sein, soll der Nowitzki-Effekt nicht irgendwann wieder verpuffen. “Auf die Nationalmannschaft kommt eine noch größere Funktion zu, als Leitbild des Basketballs in Deutschland”, mahnt Rödl.

Dirk Nowitzkis Zukunft im neuen Fünfer-Team

Auf sein langjähriges Aushängeschild wird der Verband in Zukunft verzichten müssen. Die nächsten Jahre will Nowitzki in einem Fünf-Mann-Team verbringen, das ihm mittlerweile lieber ist als die beste Basketball-Aufstellung der Welt: 2012 heiratete er die Schwedin Jessica Olsson, gemeinsam bekamen sie Tochter Malaika (5) sowie die Söhne Max (4) und Morris (2). “Die Älteste kommt im Sommer in die Schule”, sagt Nowitzki. “Eine Rückkehr nach Deutschland ist auch deshalb nicht geplant.” Stattdessen will er “reisen, Tennis spielen und Wein trinken”. Auch diese Szenen böten sich an - als Einspieler nach dem Abspann zu Dirk Nowitzkis einzigartiger Karriere.

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Von Clemens Boisserée (Text und Programmierung), Sebastian Fuhrmann (Text), Tobias Jochheim (Text), Phil Ninh (Design und Programmierung), Antje Seemann (Video), Dominik Jungheim (Video)

Speziellen Dank auch an Markus Plüm (Mitarbeit), Sebastian Bergmann (Mitarbeit), Florian Rinke (Mitarbeit), Christian Schäfer (Mitarbeit Programmierung)


RP ONLINE, 17.07.2019

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