Flughafen Düsseldorf

Immer mehr Nachtflüge über Düsseldorf - so leiden die Anwohner

Die Sommerferien sind die flugreichste Zeit im Jahr am Düsseldorfer Airport, mehr als 650 Flieger starten und landen täglich. Diese Zahl soll künftig sogar noch deutlich ansteigen. Doch vor allem die nächtliche Ruhe der Anwohner wird schon jetzt immer häufiger gestört - wie unsere Datenauswertung zeigt.

Von Clemens Boisserée, Antje Seemann, Phil Ninh und Christina Rentmeister



Der Wecker zeigt 23.28 Uhr, als Eurowings-Flug 9345 aus Manchester an diesem Freitagabend über das Haus von Christina Winners donnert. Die erste leichte Schlafphase ist abrupt beendet, Kopf und Ohren sind hellwach. So geht das hier, im Essener Stadtteil Kettwig, Abend für Abend. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Umfragen und Schätzungen rechnen mit rund 70.000 Menschen, die über Kaarst, Meerbusch, Ratingen und Essen vom An- und Abflugverehr des Düsseldorfer Flughafens geplagt werden. „Wer nicht betroffen ist, kann es nicht nachvollziehen, wie belastend das auf Dauer ist“, sagt Winners beim abendlichen Gespräch in ihrem Garten. Dann rauscht der nächste Jet heran.


Dabei sollte eigentlich seit 23 Uhr Ruhe sein. Die Betriebszeiten des Düsseldorfer Flughafens sehen keine Starts zwischen 22 und 6 Uhr vor, gelandet werden darf eine Stunde länger. Eine Sondergenehmigung für verspätete Starts ist bis 23 Uhr, für Landungen erst ab 23.30 Uhr nötig. Über 40 Flüge erhielten im ersten Halbjahr 2018 eine solche Ausnahmegenehmigung von der Luftaufsichtsstelle der Düsseldorfer Bezirksregierung. Der späteste Flug landete am 29. Mai um 0.25 Uhr.

Während Nachtflüge am Flughafen Köln/Bonn nahezu uneingeschränkt erlaubt sind, gibt es in Hamburg, Frankfurt oder auch Düsseldorf sogenannte Nachtflugbeschränkungen. Wie streng diese ausgelegt werden, variiert je nach Airport. Am Düsseldorfer Flughafen heißt es dazu: „Unsere Regelungen sind in den letzten Jahren im Sinne der Anwohner verbessert worden und gehören zu den strengsten in Deutschland.“


Tatsächlich schöpfen die Airlines und der Flughafen die rechtlichen Möglichkeiten aus, die das Bundesverkehrsministerium ihnen bietet. Das genehmigt es verspäteten Flügen, auch bis 0 Uhr und ab 5 Uhr zu landen, solange die Airline einen behördlich anerkannten Wartungsschwerpunkt in Düsseldorf betreibt. Ähnliche Regelungen gibt es beispielsweise auch in Frankfurt. Am größten Flughafen NRWs haben acht Airlines einen solchen Status, darunter Lufthansa, Tui, Condor und Germanwings/Eurowings - die Airline mit den meisten Flugbewegungen in Düsseldorf.

Zunehmend nutzen die Fluggesellschaften das zusätzliche Zeitfenster, welches eigentlich nur eine Ausnahme darstellen soll. Zwischen Januar und Juni 2018 nahm die Zahl nächtlicher Ankünfte zwischen 23 und 6 Uhr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich zu: Von insgesamt 703 auf 939. Der Rekordwert von 303 Landungen nach 23 Uhr im Mai wurde im Juni nochmal übertroffen: An 30 Tagen wurden insgesamt 333 späte Flüge gezählt - mehr als elf pro Nacht. Das ergab eine Auswertung der Flugdaten, die der Verein „Bürger gegen Fluglärm e.V.“ erhoben hat und die von allen Beteiligten als seriös bewertet werden.

Die flugreichsten Monate stehen aber erst noch bevor. Zwischen Mai und Oktober stieg die Zahl der Flugbewegungen im vergangenen Jahr auf bis zu 20.000 pro Monat, das entspricht etwa 640 Flügen pro Tag. Von gemütlichen Sommerabenden auf der Terrasse ihres Einfamilienhauses kann Christina Winners dann nur träumen. Die ungebetenen Gäste aus der Luft kommen und gehen im Minutentakt, sie grüßen aus gerade mal 400 Metern Höhe. „Vor allem in den Sommerferien ist es schlimm, dann herrscht über dem Haus Dauerbetrieb, irgendwann explodiert mir der Kopf“, sagt die 47-Jährige.

Die Scheiben des Elternhauses, in dem sie mit ihrer siebenjährigen Tochter lebt, sind dreifach verglast, sogar Spezial-Ohrenstöpsel für über 100 Euro hat sich Winners schon anfertigen lassen. Doch weil ihr Zuhause nicht nur auf der direkten Düsseldorfer Anflugroute liegt, sondern obendrein von Hügeln umgeben ist, die für ein Echo sorgen, hilft all das kaum.

Ein Spitzenschallpegel von 75 Dezibel wurde gemessen, der Grenzwert liegt bei 55. „Ich überlege, zum Schlafen in den Keller umzuziehen, dort ist es vergleichsweise ruhig“, sagt Winners.

Unsere interaktive Karte zeigt den Fluglärm rund um den Flughafen Düsseldorf

Und die Lärmbelastung dürfte künftig nicht weniger werden. Über 24 Millionen Fluggäste und rund 220.000 Flüge werden aktuell über Düsseldorf abgefertigt. Bis zum Jahr 2030 möchte der Flughafen diese Zahlen deutlich erhöhen. Dann sollen statt bislang 47 bis zu 60 Flugbewegungen pro Stunde bewältigt werden, rund 16 Prozent mehr. Grundlage dafür wäre, dass die seit 2005 gültige Betriebsgenehmigung erneuert wird und man künftig auch die zweite Start- und Landebahn des Flughafens stärker anfliegen darf. Das Genehmigungsverfahren dazu läuft. Aktuell darf die Bahn nur in 50 Prozent der Wochenzeit mitgenutzt werden. “Durch die Erweiterung würden wir mehr Flexibilität erhalten und könnten besser auf Streiks oder Wetterereignisse reagieren und Verspätungen abbauen”, sagt ein Flughafensprecher.

Letztere sind aktuell ein enormes Problem, mit dem vor allem Eurowings zu kämpfen hat. Die Billig-Tochter von Lufthansa fliegt Düsseldorf täglich rund 14 Mal nach 22 Uhr an, seit sie im November 2017 viele Strecken der zerschlagenen Air Berlin übernommen hat. Zuvor, zwischen Januar und Oktober 2017, waren es elf späte Landungen pro Tag.


Ein Pilot, der anonym bleiben möchte, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Der Zeitplan wird immer enger. Zwischen Landung und Abflug liegen bei manchen Airlines nur noch 35 Minuten. Puffer für Verzögerungen gibt es so nicht mehr.“ In der Vergangenheit sei er deshalb schon zweimal mit extrem verspäteten Flügen von Düsseldorf nach Köln umgeleitet worden. In anderen Fällen habe die Ausnahmeregelung bis 24 Uhr eine späte Landung ermöglicht. „Die Airline-Chefs interessieren sich nicht für die Anwohner. Ihr Flugzeug muss für die bestmögliche Nutzung acht Flüge pro Tag schaffen und Abendflüge werden gut gebucht“, sagt der Pilot.

Welche gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen Fluglärm hat, wurde mittlerweile wissenschaftlich ausführlich erforscht. „Nächtlicher Lärm ist besonders schädlich. Der Schlaf verliert an Tiefe, das kann nach einigen Jahren zu Depressionen führen“, sagt Professor Rainer Guski, Leiter der Lärmwirkungsstudie NORAH. Diese untersuchte bundesweit drei Jahre lang, wie sich Fluglärm auf die Lebensqualität von Betroffenen auswirkt. „Viele Probanden fühlten sich zunehmend belästigt. Das führt mittelfristig zu Gesundheitsgefährdung, beispielsweise zu Herzkreislauf-Erkrankungen“, sagt Guski.


Dem Flughafen selbst ist die Lärm- und Verspätungs-Problematik für die Anwohner in der Flugschneise natürlich bekannt. Er verweist darauf, dass die Lärmbelastung durch modernere Flugzeuge trotz mehr Verkehr abgenommen habe. Jeder zweite Flug in Düsseldorf wird mit Airbus-Maschinen der Typen 319, 320 oder 321 geflogen.

In 56 Prozent der Fälle seien diese Flugzeuge mit Vortex-Generatoren an den Tragflächen ausgestattet. Diese verhindern, dass beim Landeanflug der lästige Pfeifton entsteht. Statt 86 Dezibel wurde bei diesen Flugzeug-Typen nur noch ein Schalldruckpegel von 74 Dezibel gemessen. „Um Anreize für die Airlines zu schaffen, solche Fluggeräte einzusetzen, sind die Landegebühren für solche Typen geringer“, sagt ein Flughafensprecher. So kostet die Landung einer A320 mit Vortex-Generator nach 22 Uhr 188 Euro, mit einer wesentlich größeren und lauteren Boeing 777 werden 464 Euro fällig.

Der Airbus A320N gehört zu den leisesten und modernsten Flugzeugen der Welt. In Düsseldorf ist er bislang kaum verbreitet, nur ein Prozent aller Flüge werden durch ihn abgewickelt. Foto: Guillaume Horcajuelo/EPA/dpa


Gleichzeitig habe der Flughafen in den vergangenen 15 Jahren insgesamt knapp 80 Millionen Euro in Schallschutzmaßnahmen und Entschädigungen investiert. „Alle Beteiligten wissen um die Belastungen der Anwohner und das verständliche Interesse an Lärmschutz“, teilt der Flughafen mit.

Christina Winners in Essen-Kettwig bekommt davon nicht viel mit. Um 6.05 Uhr ersetzt Lufthansa-Flug 409 aus New York den Wecker. Wie an so vielen Morgen. Hoffnung auf Besserung hat Winners nicht. „Wirksame Gesetze gibt es nicht und die Fluglinien stehen unter wirtschaftlichem Druck, die werden nicht freiwillig Umwege fliegen, um uns paar Anwohner zu schützen.“ Sie sagt: „Es gibt eigentlich nur zwei Varianten: aushalten oder wegziehen. Ich tendiere zu letzterem.“

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Zur Methode

Die in diesem Text und den Grafiken verwendeten Daten stammen vom Verein "Bürger gegen Fluglärm e.V.", die mit über 6000 Mitgliedern größte Interessensgemeinschaft zum Thema Fluglärm in der Region Düsseldorf. Grundlage sind die täglich vom Flughafen Düsseldorf veröffentlichten Flugdaten zu An- und Abflügen. Da diese nur für etwa 24 Stunden zugänglich sind, werden sie vom Verein täglich zusammengetragen. Der Verein hat diese täglichen Statistiken für den Zeitraum 1.1.2017 bis 30.6.2018 zur Verfügung gestellt. Die Daten wurden durch unsere Redaktion kategorisiert und ausgewertet.

Für die interaktive Lärmkarte hat uns das Landesumweltamt NRW die im Jahr 2017 erhobenen durchschnittlichen Lärmwerte rund um den Flughafen Düsseldorf zur Verfügung gestellt.

Die Rohdaten zu den Grafiken können Sie sich hier ansehen und herunterladen. Die von der Bezirksregierung Düsseldorf genehmigten oder abgelehnten Start- und Landegenehmigungen können finden Sie hier.

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Von Clemens Boisserée (Text und Programmierung), Antje Seemann (Video), Phil Ninh (Design und Programmierung), Christina Rentmeister (Datenrecherche und Auswertung)

Speziellen Dank auch an Achim Blazy (Titelfoto)


RP ONLINE, 11.12.2018

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