Schwer genug

Wenn es eine Schule gibt, an der Inklusion klappen müsste, dann an der Grundschule im niederrheinischen Uedem. Wenn es einen Jungen gibt, bei dem Inklusion klappen müsste, dann bei Matthis. Doch warum nur ist das alles andere als sicher?


Der Junge, der nur sein Hausaufgabenheft reparieren wollte

Matthis hat jetzt ein dringenderes Problem. Er könnte seiner Lehrerin erzählen, was er in einem Supermarkt kaufen kann. Zumindest könnte er seinen Mitschülern dabei zuhören, wie sie der Lehrerin erzählen, was sie in einem Supermarkt kaufen können. Er müsste dies auf Englisch tun, denn das lernt die 3b der Geschwister-Devries-Grundschule Uedem seit zwei Jahren. Doch Matthis, acht Jahre, blauer Pullover, Jeans, hat an diesem Donnerstagvormittag im März 2017 beschlossen, dass er sein Hausaufgabenheft reparieren muss. Der Einband hat sich von den Seiten gelöst. Matthis trägt die schwere Tesa-Rolle vom Pult der Lehrerin zu seinem Tisch, dann klebt er einen Streifen nach dem nächsten ins Heft, bis es die nächsten tausend Jahre nicht mehr auseinanderfallen wird.

Hier steht eine BU

Matthis Franken (8) geht in die dritte Klasse der Geschwister-Devries-Schule in Uedem.
Foto: Thomas Binn

Schon als die Kinder zu Beginn der Stunde ein paar englische Lieder gesungen haben, war Matthis beschäftigt. Erst hat er seine Hefte in die Schultasche geräumt, danach die Hausaufgaben eingetragen. Später sagt er „In Wanne-Eickel is an airport“, und alle lachen wie über einen guten Witz. Danach beendet die Klingel die vierte Stunde. Jetzt nur noch Reli.

Matthis Franken ist ein Junge, der um zehn Uhr morgens schon einen Liter Kakao durch einen Strohhalm gesaugt hat, aber keiner, dem das Wort „Förderbedarf“ auf die Stirn geschrieben steht. Statt in die Schule zu gehen, würde er lieber Kettcar fahren, aber welches Kind würde das nicht? Er möchte das Kettcar mit einem Motor ausstatten, damit er 50 fahren kann. Am liebsten an der Schule mag er die Pausen und das Busfahren.

Seine Familie wohnt auf einem Bauernhof außerhalb der niederrheinischen Gemeinde Uedem im Kreis Kleve. Lieblingsfächer: Sport und Schwimmen. Deutsch und Englisch macht er nicht so gern. „Weil‘s so schwer ist.“ Wer ihn auf einem Trecker fahren sieht, der muss glauben, der Junge mache das seit Jahren. Was stimmt. Er hat es mit fünf gelernt. Später will er den Hof übernehmen.

Gerade beschäftigt ihn, was er mit dem Geld machen soll, das die Kommunion einbringt. Am liebsten ein Longboard kaufen. Doch seine Mutter Andrea macht sich ganz andere Sorgen: Bekommt ihr Kind in der Schule die Betreuung, die es braucht? Matthis hat es nicht so mit der Sprache und deshalb einen bescheinigten Förderbedarf. Aber statt auf eine Förderschule geht Matthis als so genanntes Inklusionskind in eine normale Grundschule.

Inklusion bedeutet, dass auch Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen. Das umfasst nicht nur jene, die geistig oder körperlich behindert sind, sondern auch Kinder wie Matthis, der einfach Probleme mit der Sprache hat. Andere haben Lern- oder Verhaltensstörungen. Bis 2014 hatten sie in NRW keinen Anspruch auf einen Platz an einer normalen Schule - dann beschloss der Landtag eine Änderung des Schulrechts.

Matthis ist eines von jenen Kindern, die davon profitieren. Doch sein Fall zeigt, dass Inklusion momentan noch eher eine Illusion ist. Matthis wäre eines jener Kinder, denen es gelingen sollte. Die Schule liegt auf dem Land, nicht in einem Brennpunkt, rund 250 Schüler, sie hat Erfahrung mit Inklusion. Matthis hat keine Behinderung. Seine Eltern vernachlässigen ihn nicht, er ist nicht einmal ein Scheidungskind. Und trotzdem ist alles andere als klar, wie der Versuch enden wird, ihn auf eine Regelschule zu schicken. Nicht, weil Inklusion grundsätzlich eine Illusion ist, sondern weil Inklusion gute Rahmenbedingungen braucht. Anders ausgedrückt: Wenn Inklusion an dieser Schule nicht gelingt, wenn sie bei Matthis nicht gelingt, dann gelingt sie nirgendwo.

Doch warum genau fällt das so schwer? Das ist eine Frage, der auch der Dokumentarfilmer Thomas Binn nachgegangen ist. Er hat über mehr als zwei Jahre nicht nur Matthis, sondern zwei weitere Inklusionskinder der Uedemer Grundschulklasse begleitet. Sein Film "Ich. Du. Inklusion" läuft ab 4. Mai im Kino.


Die Lehrerinnen, die von Feuer zu Feuer rannten

Dass mit Matthis irgendwas nicht stimmt, merkte seine Mutter ziemlich früh. Vermutlich früher als andere Mütter. Sie ist Ergotherapeutin, hilft also Menschen, zum Beispiel nach einem Unfall wieder möglichst viel selbst zu machen. Im Gegensatz zu anderen Kindern fängt Matthis einfach nicht an zu sprechen - das bringt ihm erst ein Logopäde bei, als er drei ist. Obwohl sich der Rückstand nicht so schnell aufholen lässt, wird Matthis bereits kurz vor seinem sechsten Geburtstag eingeschult. Weil er ein paar Tage vorm Stichtag Geburtstag hat, in NRW ist das der 30. September.

Andrea Franken, Mutter von Matthis: “Sein Wortschatz ist immer noch nicht vollständig”.
Video: Thomas Binn

Also stellt seine Mutter einen Antrag auf sonderpädagogischen Förderbedarf. Der Antrag kommt durch. Sie kann ihren Sohn nun auf eine Förder- oder auf eine Grundschule schicken, schließlich hat sie nun einen Rechtsanspruch. Die Förderschule liegt in der nächsten Stadt, ein weiter Weg. Viel wichtiger noch: Matthis hat einen besten Freund. Joris kennt er seit dem Kindergarten, und der wird die Grundschule in Uedem besuchen. Franken weiß: Ohne ihn hätte Matthis überhaupt keine Lust, in die Schule zu gehen. Also meldet sie ihn auch dort an. Die beiden kommen in eine Klasse.

Die Grundschule Uedem stürzt sich 2014 nicht unvorbereitet in das Projekt Inklusion, sondern hat fast zwei Jahrzehnte Erfahrung gesammelt. Mitte der 90er hat sie ein mehrfach behindertes Kind in einer Klasse aufgenommen. Die Sonderpädagogin, die es begleitet, hält am Ende des Schuljahres ein Plädoyer für die Inklusion. Der Junge sei besser motiviert als in einer Förderschule, weil ihn die Leistungen der anderen anspornten. Fortan nimmt die Schule regelmäßig Inklusionskinder auf.

Bild

Das Pädagogenteam: Sonderpädagogin Karin Winkels-Brinkmann, Schulleiter Johannes Nolte und Klassenlehrerin Helga Heß. Foto: Thomas Binn

„Die Erfahrungen mit Inklusion bis 2014 waren gut“, sagt Schulleiter Johannes Nolte, auch weil genug Sonderpädagogen zur Verfügung stehen, um den Bedarf zu decken - mehr als 60 Stunden pro Woche. Das bedeutet: Die Klassen mit Förderkindern sind fast durchgehend doppelt besetzt, mit Lehrerin und Sonderpädagogin. Andrea Franken hält es deshalb für die richtige Entscheidung, Matthis dorthin zu schicken.

Die 1b wird die erste Inklusionsklasse an der Uedemer Grundschule nach dem neuen Schulgesetz, das Pilotprojekt. Drei Kinder haben einen festgestellten Förderbedarf. Klassenlehrerin Helga Heß und die Sonderpädagogin Karin Winkels-Brinkmann sind erfahren, haben schon lange im Team zusammengearbeitet. Franken hat entschieden, ihr Kind zielgleich unterrichten zu lassen. Das heißt: Matthis bekommt dieselben Aufgaben wie die anderen Kinder, nur mehr Unterstützung. Für Franken zählt nur eines: „Matthis soll glücklich durch seine Schulzeit gehen. Ich hoffe, dass die Lehrer auf alle zugehen können.“

Doch schon das erste Halbjahr zeigt: Es funktioniert nicht wie früher. Im Protokoll für den Schulausschuss der Gemeinde Uedem vom 24. November 2014 steht: „Er erklärt ferner, dass die Situation um die Anzahl von Sonderpädagogen im Augenblick desolat sei. Die Sonderpädagogen könnten nur noch flankierend beraten und die Lehrer stünden mit den Kindern alleine da.“ Er, das ist Schulleiter Nolte. Die Schule hat rund 20 Schüler mit Förderbedarf. Klassenlehrerin Heß wird später sagen: „Es gab eine Zeit, wo ich gedacht habe: Ich bin den Kindern keine gute Lehrerin mehr.“ Andrea Franken wird sagen, nachdem sie den Unterricht in der Klasse beobachtet hat: „Die Lehrerin und die Sonderpädagogin rannten von Feuer zu Feuer, von Tisch zu Tisch.“

Eine Lehrerin und vier Kinder, die gleichzeitig betreut werden wollen.
Video: Thomas Binn

Wenn Inklusion Probleme macht, kann das viele Gründe haben. Wenn die Haltung der Lehrer nicht stimmt. Wenn der Schule Erfahrung fehlt. Wenn das Kind einfach sehr sehr viel Förderbedarf hat. Doch auf die Uedemer Grundschule und Matthis trifft das nicht zu. Es fehlen wie an vielen anderen Schulen schlicht die Sonderpädagogen. Das sagen alle, die man danach fragt: der Rektor, die Klassenlehrerin, die Sonderpädagogin, die Mutter, die Eltern anderer Kinder.

Der Mangel hat damit zu tun, dass das Schulministerium unter Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) das System, nach dem es Sonderpädagogen zuweist, verändert hat. Vor 2014 orientierte sich die Stundenzahl der Sonderpädagogen am tatsächlichen Bedarf. Doch damals boten auch nur wenige Regelschulen Inklusion an, weil es noch keinen Rechtsanspruch gab. Es waren also genügend Sonderpädagogen vorhanden.

Doch durch den Rechtsanspruch steigt die Zahl der Schulen mit Inklusionsklassen und damit der Bedarf an Sonderpädagogen. Die auch noch an Förderschulen unterrichten müssen, obgleich deren Zahl in den vergangenen Jahren gesunken ist. Das Land stellt das System um, weil es nicht genügend Sonderpädagogen für die frühere großzügige Zuweisung gibt: Ein einziges Mal stellt das Land den Bedarf fest für Kinder mit Lern- und Entwicklungsstörungen und bestimmt auf dieser Basis ein Stellenbudget für Sonderpädagogen. Dieses Budget erhöht sich auch dann nicht, falls der Bedarf wächst.

Nur bei härteren Fällen, also zum Beispiel geistig behinderten Kindern, wird der Bedarf nach wie vor individuell festgelegt. „Eine steigende Zahl förmlicher Feststellungsverfahren würde das Budget nicht vergrößern, ein Verzicht auf die ,Etikettierung‘ würde es nicht verkleinern“, schreibt das Schulministerium auf seiner Webseite. „Aus Sicht der Landesregierung ist eine durchgängige Doppelbesetzung weder erforderlich noch finanzierbar“, sagt ein Sprecher des Ministeriums.

Sonderpädagogin Karin Winkels-Brinkmann ist mit der Situation unzufrieden.
Video: Thomas Binn

Früher standen die Sonderpädagogen an der Uedemer Grundschule 60 Schulstunden pro Woche zur Verfügung, mit dem neuen Budget sinkt die Zahl laut Direktor um ein Viertel. 14 bis 18 Stunden haben Heß und Winkels-Brinkmann vor 2014 in Doppelbesetzung unterrichtet, plötzlich ist es nur noch halb so viel. Hinzu kommt, dass Winkels-Brinkmann wegen des Mangels an Sonderpädagogen noch in einer anderen Schule im Nachbarort eingesetzt wird.

Andrea Franken merkt bald, dass es nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. „Matthis hat das Recht darauf. Wofür bin ich denn mit ihm durch die Befundhölle gegangen?“, sagt sie damals in die Kamera des Dokumentarfilmers Thomas Binn in Anspielung auf die Anträge und Untersuchungen, die nötig waren, um Matthis' Förderbedarf zu bescheinigen. „Matthis hat nicht die Chance, seine Fähigkeiten in der Klasse abzurufen. In der Schulsituation kann er nicht leisten, was er leisten kann.“

Andrea Franken macht sich Sorgen um die schulische Bildung ihres Sohnes.
Video: Thomas Binn

Der Schule bleibt schon im ersten Schuljahr nichts anderes übrig, als einen Mangel zu verwalten, da kann Nolte so viel Bedarf melden, wie er will. Zumal in der 1b schnell klar wird, dass noch viel mehr Schüler Förderbedarf haben. Schon im Dezember 2014 werden vier weitere Anträge gestellt, aus den drei Förderkindern werden in der zweiten Klasse sieben. Da es dort ausschließlich um Lern- und Entwicklungsstörungen geht, gibt es keine zusätzlichen Stunden mit Sonderpädagogen. Ein weiterer Junge ist auf dem Stand eines Dreijährigen, wird schnell aggressiv, schlägt die Mitschüler. Wenn er nicht stört, spielt er in einer Ecke, während die anderen lernen.

Nach dem ersten Schuljahr setzen sich die Eltern mit den Lehrerinnen zusammen. Ein Vater kritisiert die geringe Zahl an Stunden mit Doppelbesetzung so: „Ich fahre doch auch nicht mit 10 Euro Sprit nach Köln.“ Die negativen Erfahrungen führen dazu, dass Nolte den Eltern der kommenden Erstklässler mit Förderbedarf nahelegt, sich genau zu überlegen, ob sie ihre Kinder nicht lieber auf eine Förderschule schicken wollen. Mit dem Ergebnis, dass die meisten genau das tun.

Schulleiter Johannes Nolte: Inklusion braucht gute Rahmenbedingungen.
Video: Thomas Binn

Ein Schulwechsel kommt für Andrea Franken nicht in Frage, auch weil es bedeuten würde, Matthis aus dem gewohnten Umfeld herauszureißen. Ende des zweiten Schuljahres versucht sie, einen Integrationshelfer zu beantragen. Integrationshelfer sind 400-Euro-Kräfte ohne spezielle Ausbildung, die einem Kind im Schulalltag helfen - beim Packen des Tornisters, beim Rechnen und Schreiben. Doch Franken gibt die Mühe bald auf, weil der Antrag kaum Aussicht auf Erfolg hat. Matthis ist nicht eingeschränkt genug. Franken glaubt weiterhin an Inklusion, aber dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen. „Da gehen schon einige Kinderseelen kaputt“, sagt sie.

Und an den Rahmenbedingung hapert es in NRW, sagen Kritiker. 7000 Sonderpädagogen fehlen an Schulen in NRW laut Udo Beckmann, Vorsitzender vom Verband Bildung und Erziehung in NRW.So wie Inklusion in NRW umgesetzt wird, belastet sie nicht nur Schüler, Eltern und Lehrer, sie gefährdet die Akzeptanz der Inklusion. „Die Gefahr besteht, dass Schulen Inklusion als negativ wahrnehmen, wenn sie die Schulen so belastet, weil die Bedingungen nicht stimmen“, sagt René Schroeder, Landesvorsitzender des Verbands Sonderpädagogik NRW. „Die Bedingungen müssen verändert werden, damit sich die Stimmung nicht dreht“, sagt Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Eine Mutter, deren Kind mit Matthis in eine Klasse geht, hat bereits entschieden, ihren zweiten Sohn in einer anderen Grundschule in der Nachbarstadt anzumelden – nachdem man ihr versichert hatte, dass dorthin nur wenige Schüler mit Förderbedarf kommen. „Unsere Kinder werden zu Versuchskaninchen“, sagt sie.

Dabei bringt Inklusion, wenn sie gut gemacht ist, keine Nachteile für die Kinder ohne Förderbedarf, sagt Professor Timm Albers, der an der Uni Paderborn die AG Inklusive Pädagogik leitet. Das liege daran, dass sich das Wissen der Kinder verfestige, wenn sie es anderen erklärten. Außerdem sorgten sehr unterschiedliche Kinder in der Klasse dafür, dass Lerninhalte stärker auf das jeweilige Kind zugeschnitten würden – das gelte für alle Schüler. Hinzu kommt: Die Sonderpädagogen helfen auch den Kindern ohne Förderbedarf. Und die Kinder lernen, Anderssein zu akzeptieren, werden toleranter.


Der Junge, der sich ein Flugzeug kaufen will

Was andere nicht leisten können, das leistet Frau Franken selbst. „Wenn Matthis nicht die Begleitung durch mich zuhause bekommen hätte, wäre er nicht mehr in der Klasse.“ Das führt zu kleinen Dramen des Alltags wie im Juni 2016, Ende des zweiten Schuljahres. Thomas Binn hat die Szene mit der Kamera festgehalten. Andrea und Matthis sitzen über den Hausaufgaben.

Matthis wird von seiner Mutter Andrea bei den Hausaufgaben unterstützt.
Video: Thomas Binn

Er soll die Zeiger auf einer Uhr so einzeichnen, dass sie eine bestimmte Uhrzeit zeigen. Doch schon bald will er frustriert aufgeben.

„Warum müssen wir immer die Scheiß Uhr machen?“

„Wenn man die Uhr nicht kann, kommt man zu spät ins Kino, zu spät zur Bauernversammlung“, sagt die Mutter.

„Ist doch scheiß egal, wenn man zu spät kommt.“

„Ist nicht egal. Wenn du zu spät zum Bahnhof kommst, fährt der Zug ohne dich. Was machst du dann?“

„Dann kaufe ich mir ein Flugzeug.“

Er blockiert, er weint, schreit sogar. Seine Mutter bleibt geduldig hinter ihm sitzen. Was bleibt ihr anderes übrig? Aber die Förderung darf auch nicht überhand nehmen. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt sie. Noch hält sie an ihrem Ziel fest: Das Kind später auf die Gesamtschule zu schicken. „Matthis ist hier schon richtig“, sagt seine Klassenlehrerin. „Matthis profitiert von den Sprachvorbildern in der Klasse. Seine Sprachstörung ist nicht so gravierend, sodass die Mitschüler altersgerecht mit ihm kommunizieren können.“, sagt Winkels-Brinkmann.

Im dritten Schuljahr hat sich die Situation etwas entspannt. Nicht weil es mehr Sonderpädagogen an der Uedemer Grundschule gibt, daran hat sich nichts geändert. „Dem Land fehlt weiterhin die Manpower“, sagt Rektor Nolte. Das NRW-Schulministerium hat zwar mittlerweile Inklusion auf den Lehrplan fürs Lehrerstudium gesetzt und einiges auf den Weg gebracht, um die Zahl der Sonderpädagogen zu erhöhen, hat Tausend neue Stellen eingerichtet, hat neue Studienplätze geschaffen – aber bis die Studenten ihren Uni-Abschluss haben, werden noch einige Jahre vergehen. Die Situation hat sich deshalb etwas entspannt, weil einige Kinder mit Förderbedarf die Klasse verlassen haben, einige von ihnen sind schlicht umgezogen, andere sind eine Klasse zurückgegangen oder auf eine Förderschule gewechselt. Vier Kinder haben nun Förderbedarf.

Doch die brauchen weiter sehr viel Aufmerksamkeit. An jenem Tag, als Matthis sein Heft mit Tesa repariert, meldet er sich in den meisten Fächern kaum zu Wort. Er taut erst auf, als die neue Sonderpädagogin ihn und drei weitere Schüler mit in einen Raum nimmt. Winkels-Brinkmann leitet seit 2016 eine Grundschule im benachbarten Rees. In dem kleinen Raum machen sie dieselben Aufgaben wie der Rest der Klasse, aber mit stärkerer Unterstützung.

Matthis Inklusionsklasse

Matthis während des Unterrichts. Foto: Thomas Binn

Sie müssen aus Bildern Wörter zusammensetzen, Hand-schuh, Fuß-ball, Sand-burg. Einmal sagt Matthis stolz: „Ich hatte es richtig.“ Zwischendurch muss er der Pädagogin aber unbedingt mitteilen, dass er mal neun Stunden einen Film auf dem Handy geschaut habe. Vor ein paar Wochen hat er zum ersten Mal ein Zeugnis mit Noten bekommen, meist Dreien und Vieren.

Später zeigt Matthis, dass er in Mathe zu den besseren Kindern gehört. Die Aufgabe, das Gewicht von Gegenständen mit kleinen Gegengewichten auf der Waage zu bestimmen, hat er drauf. Danach setzt er sich für eine Deutsch-Aufgabe mit Joris an einen Tisch. Sie sollen einen Text über einen Verkehrsunfall lesen und dazu Fragen beantworten. Eigentlich sollen sie sich abwechseln, doch es ist Joris, der den Text liest und die meisten Fragen beantwortet.

Und dann werden sie auch noch unterbrochen. Ein Mädchen kommt zu ihnen an den Tisch und möchte Joris' Tintenkiller leihen. Der gibt ihn nur widerwillig her. Nach einer Weile beschließt Matthis, ihn zurückzuholen, kehrt aber mit leeren Händen zurück. Sie setzen ihre Arbeit fort. Später kommt Frau Heß vorbei und bemerkt, dass sie sich beim Lesen nicht abwechseln: „Was hatten wir gesagt?“ Die Lehrerin bleibt, lässt Matthis ein paar Zeilen lesen. „Guck“, sagt er danach zu Joris, „ich kann genauso gut lesen wie du, nur etwas langsamer.“

***



Ich. Du. Inklusion – ein Dokumentarfilm


Matthis Franken ist eines von drei Kindern mit Förderbedarf, die der Dokumentarfilmer Thomas Binn mehr als zwei Jahre begleitet hat. Alle drei Kinder gehen in die jetzige 3b der Grundschule im niederrheinischen Uedem. Binn sprach außerdem mit dem Schuldirektor, der Klassenlehrerin, der Sonderpädagogin und einigen Eltern. Ungewöhnlich ist der enge Zugang, den Binn im Laufe der Jahre zu den Beteiligten erhielt. Der Film „Ich. Du. Inklusion“ läuft ab 4. Mai 2017 im Kino an. Wo genau, das erfahren Sie hier.

Kinotrailer „Ich. Du. Inklusion“



Über Thomas Binn


Thomas Binn Porträt

Thomas Binn (Jahrgang 1969) ist freier Autor, Filmemacher, Fotograf und Sozialpädagoge. Seit 2003 setzt er Medienproduktionen mit den Schwerpunkten Soziales und Schule um. Er wohnt in Kevelaer (Kreis Kleve).
- Thomas Binns Webseite

Haben Sie Anmerkungen oder einen Fehler entdeckt? Wir freuen uns über Ihre Mail.

Von Sebastian Dalkowski (Recherche und Text), Sarah Biere (Redaktion), Thomas Binn (Foto und Video), Phil Ninh (Design und Programmierung)

Speziellen Dank auch an Christina Renteister (Datenrecherche)


RP ONLINE, 13.11.2018

Impressum, Datenschutzhinweise