Eine Nacht in der Tankstelle

Heidis Tag

Wenn andere ins Bett gehen, geht sie zur Arbeit: Heidi Schäffer macht die Nachtschicht in einer Tankstelle in Mülheim an der Ruhr – trotz dreier Überfälle.

Von Elena Erbrich



Mit einer letzten Tonfolge verabschiedet sich der Spielautomat in die Nachtruhe. Es ist 23 Uhr. Arbeitsbeginn für Heidi Schäffer und Schichtende für den Spielautomaten. „Der lockt zu viele unangenehme Leute an“, sagt sie. Ein volles Haus will die 47-Jährige nicht.

Schäffers Tag ist die Nacht. Er ist leuchtstoffröhrengrell und beginnt mit einem Kaffee aus dem Automaten. Manche trinken ihn, um durch den Tag zu kommen. Schäffer trinkt ihn, um durch die Nacht zu kommen.

Von Sonntag bis Donnerstag ist Schäffer nachts Herrin über die Tankstelle Kraft in Mülheim an der Ruhr. Die Tankstelle liegt an einer Hauptstraße mitten in der Stadt, nicht weit entfernt von der A 40. Seit 22 Jahren macht Schäffer die Schicht zwischen 23 und 7 Uhr. Viele hätten Angst, nachts alleine in einer Tankstelle zu arbeiten. Schäffer aber fühlt sich wohl. „Für mich ist es viel gruseliger, morgens früh aufzustehen, als nachts zu arbeiten“, sagt sie.

Heidi Schäffer übernimmt seit 22 Jahren die Nachtschichten in der Tankstelle Kraft in Mülheim an der Ruhr.

Heidi Schäffer übernimmt seit 22 Jahren die Nachtschichten in der Tankstelle Kraft in Mülheim an der Ruhr. Foto: Elena Erbrich

Um ein Uhr kommt Manni vorbei. Schäffer und er kennen sich so lange, wie die Mülheimerin die Nachtschicht macht. Manni ist 63 Jahre alt, seit 40 Jahren fährt er Taxi in der Stadt. Während er über den Mindestlohn schimpft und an seinem Kaffee nippt, schweigt Schäffer und wischt die matten, roten Fliesen. Manni hüpft von einer trockenen Stelle auf dem Boden zur anderen, immer mit Bedacht, damit er nicht auf die frisch gewischten Stellen trampelt. Die Eingangstür zum Verkaufsraum steht offen. In der Tankstelle ist die Klimaanlage ausgefallen. Der Luftentfeuchter brummt. Die Luft ist zum Schneiden.

Ein Kunde kommt rein, um sein Benzin zu bezahlen. Schäffer stellt den Wischmopp weg und geht zur Theke. Auf einem Zettel hinter der Kasse steht das Wort „Lächeln“. Schäffer muss daran nicht erinnert werden. Die ganze Nacht ist sie auf den Beinen und für jeden Kunden sofort da. Wenn sie Pause macht, dann im Stehen mit einer Zigarette in der Hand. Nachdem der Kunde weg ist, blickt sie auf das Display ihrer Kasse. „Der an der Sechs hat noch nicht bezahlt“, sagt sie. „Ist der weg?“ Manni blickt nach draußen zur Tanksäule. „Da ist keiner“, sagt er. „Na toll, das sind 74 Euro“, sagt Schäffer. „Musst du jetzt die Polizei rufen?“ „Nein, die Videobänder sind im Büro der Chefin. Sie ruft morgen bei der Polizei an.“

Fünf Überfälle in drei Monaten

Sie stöhnt und zündet sich eine Zigarette an. Manni versucht, sie zu beruhigen: „Heidi, besser so, als dass sie reinkommen und dir ein Messer an die Kehle halten.“ „Das ist zum Glück schon lange nicht mehr passiert“, sagt Schäffer und klopft sich mit der Faust zweimal auf den grau-weißen Lockenkopf.

Vor ein paar Jahren wurde die Tankstelle in drei Monaten fünf Mal überfallen. Einmal sogar in zwei aufeinander folgenden Nächten. Beide Male hatte Schäffer Nachtschicht. Beim ersten Überfall wurde Schäffer von den vermummten Tätern mit einem langen Küchenmesser bedroht, beim zweiten Mal mit einer Schreckschusspistole, die ihr der Täter an den Kopf hielt. Damit sie nachts nicht alleine ist, hat ihre Chefin nach der Serie von Raubüberfällen entschieden: Taxifahrer kriegen in ihrer Tankstelle kostenlosen Kaffee. „Mir ist nie der Gedanke gekommen, mit meinem Job aufzuhören“, sagt Schäffer und klopft wieder mehrmals auf die Theke. „Ich habe eher gedacht: Jetzt erst recht.“

Schäffer wurde noch ein drittes Mal überfallen, auch da passierte ihr nichts. Alle Raubüberfälle wurden aufgeklärt. Einen Täter hat sie bei Gericht später wiedergetroffen. „Das war ein frisch verheirateter Mann, der nicht wie ein Verbrecher aussah. Aber das kann man den Leuten eh nicht ansehen“, sagt sie. „Er brauchte das Geld für seine Familie, aber das ist nicht der richtige Weg.“

Laut Landeskriminalamt gab es 2017 in Nordrhein-Westfalen 117 Raubüberfälle auf Tankstellen und rund 400 Versuche. In Duisburg fasste die Polizei Anfang Februar einen Mann, der für zehn Tankstellenüberfälle verantwortlich sein soll.

Ein mulmiges Gefühl

Ihren Job macht Schäffer bis heute gerne. „Ich mag es, dass man seine Ruhe hat“, sagt sie. „Und ich mein Ding machen kann, ohne, dass mir jemand über die Schulter guckt.“ In den Tankstellenjob ist sie reingerutscht. Nach dem Abitur studierte sie ein Semester Germanistik, brach das Studium ab. Die Lehre zur Floristin beendete sie nicht. Beides machte ihr keinen Spaß. Danach hatte sie verschiedene Jobs, bis ihre Freundin, die Tankstellenbesitzerin, sie fragte, ob sie bei ihr arbeiten möchte. Ihren Mann sieht sie trotz ihrer Nachtarbeit. Er hat sich an ihren Rhythmus angepasst, kümmert sich zuhause um den Haushalt. Nachmittags vor ihrer Schicht verbringen sie viel Zeit miteinander, gehen mit dem Hund spazieren.

Eine junge Frau auf 15-Zentimeter-Absätzen und in männlicher Begleitung kommt in die Tankstelle. Sie kauft Energydrinks und Hochprozentiges. Schäffer ist froh, dass sie nicht am Wochenende arbeiten muss, wenn Kondome und riesige Plüschherzen mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ die Verkaufsrenner sind. „Auf das Feierpublikum habe ich keine Lust“, sagt sie. „Dafür sind die jüngeren Mitarbeiter zuständig.“

Schäffer sind die alten Damen lieber. Sie bekommt regelmäßig Besuch von einer Frau. Manni fährt sie mit dem Taxi aus dem entlegensten Stadtteil in die Tankstelle - mitten in der Nacht. Dann unterhält sie sich mit Schäffer, trinkt einen Cappuccino und isst ein belegtes Brötchen, das Schäffer ihr frisch geschmiert hat.

Eine Anlaufstelle für einsame Menschen

Die Mülheimerin ist Anlaufstelle für einsame Menschen. Weil sie zuhört. Weil sie nicht voreilig urteilt. Weil sie da ist. „Die Leute wissen: Bei uns brennt immer Licht“, sagt sie. Zu sehr dürfe man die Schicksale aber nicht an sich heran lassen. „Oft hat es mit viel Alkohol zu tun“, sagt Schäffer. Mehrmals musste sie schon während einer Schicht den Rettungswagen rufen.

Manchmal ist die Tankstelle auch eine Notunterkunft: Einmal verbrachte ein junger Mann die Nacht dort. Seine Freundin hatte ihn aus der gemeinsamen Wohnung rausgeworfen. Er hatte im tiefsten Winter nur einen Pullover an. „Den armen Jungen konnte ich doch nicht draußen stehen lassen“, sagt Schäffer.

Es ist kurz vor fünf Uhr, es dämmert. Ein Mann mit Schlappen kommt in die Tankstelle, schlurft zum Spielautomaten. „Geht der nicht?“, fragt er. „Nein“, sagt Schäffer. Der Mann dreht sich um und geht grußlos. Schäffer ist wieder alleine. So wie sie es mag.

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Von Elena Erbrich (Text), Phil Ninh (Design und Programmierung)


RP ONLINE, 30.03.2020

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