Der große NRW-Bieratlas

Dieses Bier trinken die Rheinländer

Wenn es darum geht, welches Bier ins Glas kommt, verstehen viele keinen Spaß - vor allem im Rheinland. Kölsch oder Pils statt Alt? Undenkbar. Wir zeigen, wo welches Bier gebraut wird - und welche neuen Sorten dazu gekommen sind.

Von Christina Rentmeister und Phil Ninh

Illustration: Phil Ninh

Illustration: Phil Ninh

Ein Pils zum Feierabend, ein kühles Helles im Biergarten, Alt, Kölsch oder Pale Ale in der Bar um die Ecke – die Deutschen lieben ihr Bier. Mehr als 104 Liter trinkt umgerechnet jeder Deutsche pro Jahr. Auch in Nordrhein-Westfalen wird mit Gerste, Wasser und Malz so einiges zusammengebraut.

Die meistverkauften Marken in Deutschland sind seit Jahren dieselben. Krombacher hat im Jahr 2015 das meiste Bier produziert (5.487.000 Hektoliter). Dicht gefolgt von Oettinger (5.393.000 Hektoliter), wie es in einer Erhebung des Inside-Getränke-Magazins heißt. Bitburger, Veltins und Beck’s folgen demnach mit schon deutlich geringeren Mengen: Sie brauten 2015 zwischen 3,8 und 2,5 Millionen Hektoliter Bier. Marktführer ist das Pils. Kölsch und Alt machen nur wenige Prozent Marktanteil aus.


Grenze zwischen Alt- und Kölsch-Region

Doch es bewegt sich etwas auf dem deutschen Biermarkt: Die Zahl der Brauereien steigt, die der verschiedenen Biere auch. Im Jahr 2006 waren es noch 1289 Brauereien, zehn Jahre später 1408. Allein in NRW sind in diesem Zeitraum 20 neue Brauereien entstanden, insgesamt waren es im vergangenen Jahr 132.

Unsere Karte zeigt 147 angemeldete und aktiven Brauereien in NRW, die wir in den Listen der Brauereiverbände NRW und unseren Recherchen gefunden haben. Hervorgehoben sind die Altbier- und Kölsch-Brauereien sowie Craftbier. Dazu finden Sie auch die anderen NRW-Brauereien. Für weitere Informationen klicken Sie auf die Punkte.

Kennen Sie weitere aktive Brauereien in NRW? Dann geben Sie uns Bescheid: christina.rentmeister@rheinische-post.de.



Unsere NRW-Brauereikarte zeigt, dass die Grenze zwischen Alt- und Kölsch-Brauereien deutlich gesetzt ist. Kölsch darf ohnehin nur dann Kölsch heißen, wenn es auf Kölner Stadtgebiet gebraut wird. Oder wenn die Brauerei bereits vor Inkraftreten dieser Regel die Bezeichnung Kölsch für das nach den entsprechenden Krtierien gebraute Bier etabliert hatte. Nach Kölschart gebraute Biere mit lokalen Namen gibt es ebenfalls nur in der direkten Umgebung von Köln. Wir haben Kölsch und nach Kölschart gebraute Sorten unter einer Rubrik zusammengefasst.

Alt wird immerhin an zwei Standorten in die Region um Köln, Bonn und Bergisches Land hergestellt; Altbier-Brauereien gibt es zudem nicht nur in Düsseldorf, Mönchengladbach und am Niederrhein, sondern auch vereinzelt in Ruhrgebiet und Westfalen.


Der Craftbier-Trend

Ein Grund für die gestiegene Zahl an Brauereien: der Craftbier-Trend. Marc-Oliver Huhnholz vom Deutschen Brauer-Bund beobachtet eine Zunahme der Betriebe bis 5000 Hektoliter Jahresproduktion: “Dort ist unseres Erachtens auch die überwiegende Zahl der neuen Craftbier-Brauereien zu verorten.“

Zwar werde der deutsche Biermarkt so facettenreicher, die Entwicklung stehe in Deutschland jedoch noch am Anfang. Als Konkurrenz für die traditionellen Brauereien sieht er die Craft-Brauereien nicht. „Craft gibt den Brauereien die Chance, Braukunst und Biervielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken“, sagt Huhnholz.


Craftbier bei Heller. Foto: Heller

Die Auswahl an Craftbieren wird größer. Foto: Heller

Auch in Düsseldorf wird dieser Trend beobachtet: „Craft heißt ja nichts anderes als handwerklich gemacht. Das machen viele von den kleinen Hausbrauereien ja schon seit Jahren, sie haben es nur nicht so genannt“, sagt Hans-Peter Schwemin, Chef der Düsseldorfer Brauerei Kürzer.

In Amerika habe sich die Craftbier-Bewegung als Positionierung gegen die gängigen, geschmacklich schwachen amerikanischen Biere entwickelt. „Jetzt, da die Coolness dieser Biere aus den USA herüberschwappt, wird das Interesse gerade junger Leute an kleinen Brauereien wieder größer“, sagt Schwemin.

Auch die Kürzer-Brauerei gehört zu den kleinen Brauereien und umwirbt junge Kunden. Aber Craftbier geht bei ihm nicht über den Tresen.„Bei uns wird gar kein anderes Bier als Alt nachgefragt. Es muss ja auch nicht immer überall international sein“, sagt der Brauereibesitzer.


Hans-Peter Schwemin, Besitzer der Düsseldorfer Brauerei Kürzer, steht hinter dem Glasfass, durch das täglich zig Liter Alt fließen. Es ist das Markenzeichen der Brauerei.

Hans-Peter Schwemin, Besitzer der Düsseldorfer Brauerei Kürzer, steht hinter dem Glasfass, durch das täglich zig Liter Alt fließen. Es ist das Markenzeichen der Brauerei. Archivfoto: Andreas Bretz

Die Experimentierfreude von Craftbier-Brauereien sieht er nicht als Gefahr für die etablierten Biersorten. Wichtig sei es, die Tradition des Bierbrauens zu erhalten und weiter zu entwickeln, sagt er. Außerdem: „Wenn ich vier bis fünf von den Craftbieren probiert habe, dann habe ich Durst und greife wieder zum gewohnten Bier.“ Allein weil der Alkoholgehalt dieser Biere viel zu hoch sei.

Ähnlich sieht es auch Steffen Potratz-Heller, Bier-Sommelier der Kölner Brauerei Heller. Seine Brauerei stellt acht Bio-Biere her. „Craftbier belebt den Markt. Die Menschen nehmen Bier wieder als Genussmittel wahr. Vor allem junge Leute haben Lust, verschiedene Sorten zu probieren“, sagt Potratz-Heller. Auch er profitiert davon. „Die Leute kommen auch, weil sie unsere verschiedenen Biere durchprobieren möchten.“


Alt in Köln zu brauen, war ein Skandal

Deshalb kreiert das Team um den Sommelier jedes Jahr ein Sonderbier. Auf den Craftbier-Zug wolle die Heller-Brauerei nicht aufspringen. Die Namen der Biere bleiben deutsch - kein Craft oder Pale im Namen. Die regionale Hürde hat Heller aber dennoch genommen: Seit 2013 wird neben Bio-Kölsch auch Bio-Alt gebraut.


Steffen Potratz-Heller begleitet seine Gäste druch seine Brauerei. Foto: Heller

Steffen Potratz-Heller zeigt seinen Gäste die Brauerei. Foto: Heller

Der Aufschrei in Köln war groß, erinnert sich Potratz-Heller. Einige drohten damit, die Fenster der Brauerei mit Steinen einzuschlagen, drohten damit die Brauerei nie mehr zu besuchen.

Inzwischen steht das Alt ganz selbstverständlich auf der Karte. Bei Führungen würden sogar die Kölner das Alt probieren. „Die Konkurrenz zwischen Kölsch und Alt ist ja ganz nett und lustig. Die extremen Zeiten sind da aber auch vorbei“, sagt Potratz-Heller.

Vorbei also mit dem Vorurteil, man könne nur Alt oder Kölsch wirklich mögen? „Das sind zwei tolle Sorten, die beide ihre Liebhaber haben und gut parallel leben können“, sagt der Sommelier. Und ja, man kann auch beides mögen, sagt er.


Die Brauerei Kürzer wurde 2010 eröffnet und steht in der Tradition der klassischen Düsseldorfer Hausbrauereien.

Die Brauerei Kürzer wurde 2010 in der Düsseldorfer Altstadt eröffnet und steht in der Tradition der klassischen Hausbrauereien. Archivfoto: Jürgen Bauer

„Alt ist für Touristen in Düsseldorf etwas Außergewöhnliches. Aber im Alltag ist der Mensch ein Gewohnheitstier“, sagt Hans-Peter Schwemin. Altbiere seien für viele zu „eckig“, mit mehr Hopfen und Röstaromen“, sagt Schwemin.

Dafür würden die Menschen aus der Region Heimat mit dem Alt verbinden, wenn sie zum Beispiel zu Karneval oder Weihnachten nach Hause kommen. „Dieses Heimatgefühl müssen wir Brauer pflegen“, sagt er. „Alt muss es nicht auf Sylt geben.“


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Info

18,3 Millionen Hektoliter Bier wurden in den 32 größeren Brauereien in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2016 produziert. Das geht aus einer Erhebung der amtlichen Statistikstelle des Landes NRW (IT NRW) hervor. Nicht eingerechnet sind darin alkoholfreies Bier und Mix-Biere wie Radler oder Bier mit Cola. Ebenfalls nicht berücksichtigt sind die Biermengen, die in Betrieben mit weniger als 20 Angestellten hergestellt werden.

In ganz Deutschland wurden nach Angaben des deutschen Brauer-Bundes 2016 fast 95 Millionen Hektoliter Bier gebraut. Verbraucht wurden davon 85.532.000, teils auch außerhalb von Deutschland. Etwa 16,5 Millionen Hektoliter wurden vergangenes Jahr aus Deutschland in andere Länder exportiert (17,4 Prozent der Gesamtproduktion). Gleichzeitig wurden etwas mehr als sieben Millionen Liter ausländischer Biermarken nach Deutschland importiert.


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Von Christina Rentmeister (Datenanaylse und Text), Phil Ninh (Design und Programmierung)


RP ONLINE, 15.11.2019

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