Integration

Schaffen wir’s jetzt?

Mit den Gastarbeitern in den 50er Jahren fing es an. Einfach war das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Fremden nicht immer. Ist Deutschland nun bereit, Einwanderungsland zu sein? Eine Spurensuche in der Vergangenheit.

Von Lisa Kreuzmann & Phil Ninh

Riham Said und Tawfik Daas wohnen in Köln. Wenn sie auf ihren Balkon gehen, sehen sie den Dom und den Rhein. Die gläubigen Muslime finden das schön. Und ihre neue Stadt mögen sie auch. Die Kölner seien weltoffen, die Deutschen seien „gute Leute“ und in Deutschland, das sei ihnen wichtig, akzeptiere man alle Kulturen.

Die beiden Syrer sind über die sogenannte Balkan-Route nach Deutschland gekommen. Das Mittelmeer haben sie hinter sich gelassen und wollen nun in Deutschland neu anfangen. Ihre Kultur aufgeben wollen Riham Said und Tawfik Daas aber nicht. „Der Islam ist unser Leben“, sagt der 28-jährige Syrer.

Viele Fragen sind noch offen

Doch so weltoffen wie die beiden syrischen Flüchtlinge ihre neue Wahlheimat malen, ist das Gesamtbild nicht. „Mut zur Wahrheit“, plakatiert die AfD, „Wir sind das Volk“ rufen „Pegida“-Anhänger. Sie wollen zeigen: Jetzt reicht es.

Mut zur Wahrheit. Demonstration.

Foto: Christoph Reichwein

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2016 sind rund 18 Prozent der Menschen in Deutschland Muslimen gegenüber feindlich eingestellt; jeder Fünfte ist fremdenfeindlich. Und einer Umfrage des Instituts YouGov aus dem Jahr 2015 zufolge sind 72 Prozent der Menschen in Deutschland der Auffassung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehörte.

Merkels Satz „Wir schaffen das” ist jetzt schon historisch. Doch viele Fragen sind noch ungeklärt: Wer ist eigentlich dieses „wir”? Deutsche? Oder auch Fremde? Und warum ist Zusammenleben so schwer? Wo stößt Multikulti an seine Grenzen und warum? Und was genau wollen wir überhaupt schaffen?

Zeit, all diese Fragen von den wahren Experten beantworten zu lassen: von den Einwanderern selbst, die in Deutschland leben. In einer vierteiligen Web-Doku erzählen der italienische Gastarbeiter, die Tochter türkischer Einwanderer, Jugendliche mit Migrationshintergrund und ein syrisches Flüchtlingspaar von ihren Erfahrungen.

Deutschland, Deine Einwanderer – sagt, schaffen wir das? Vier Antworten auf eine der schwierigsten Fragen unserer Zeit.


Folge 1: Generation Gastarbeiter

Porträt von Francesco Abate

Foto: Andreas Endermann

Wir schaffen das – aber was?

Die deutsche Einwanderungsgeschichte im 20. Jahrhundert beginnt mit der Anwerbung von Arbeitsmigranten in den 1950er und 1960er Jahren. Aus Italien, Spanien, Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien kamen überwiegend junge Männer nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Francesco Abate war einer dieser Männer. Bleiben wollte er aber eigentlich nicht.

19 Jähriger Francesco Abate

Foto: Privat

Ein Jahr lang hatte der damals 19-Jährige in der Toskana eine Schnellausbildung zum Schlosser gemacht und schon in Italien ein wenig Deutsch gelernt. (Klicken Sie auf das Play-Symbol, um den zum Text passenden Interview-Ton zu hören.)

Düsseldorfer Maschinenfabrik Hasenclever

Foto: Privat

In der Düsseldorfer Maschinenfabrik Hasenclever fand er eine Stelle - und landete so in Deutschland. Auf der Kruppstraße in Düsseldorf wohnte er in einem Männerwohnheim. Das Essen, so erinnert sich der heute 70-Jährige, sei ihm am Anfang sehr fremd gewesen.

Wäre es nach seiner Mutter gegangen, wäre ihr Franco nach einigen Jahren in Deutschland wieder zurück in sein süditalienisches Heimatdorf Sant’Agatha in Kalabrien, in der Nähe von Neapel, gekommen. Auch Francesco Abate selbst hatte nicht geplant, lange in Deutschland zu bleiben. Er sei von zu Hause fortgegangen, um Geld zu verdienen, erinnert er sich. Anschließend wollte er sich in seiner Heimat etwas aufbauen.

So hatte sich das auch die Nachkriegsregierung vorgestellt. Vorgesehen war, dass die Gastarbeiter wieder in ihre Heimatländer zurückkehren und durch andere Arbeiter ersetzt werden sollten. Dieses Rotationsprinzip sollte verhindern, dass sich die Menschen dauerhaft in Deutschland niederließen.

Hochzeitsbild mit Francesco Abate und seiner Frau

Foto: Privat

Dann kam für Abate das Jahr 1968 – und die Düsseldorfer Disco-Zeit. „Franco, wir sollten mehr ausgehen“, habe ein italienischer Freund zu ihm gesagt. Zunächst seien die beiden Gastarbeiter durch die Düsseldorfer Altstadt gezogen, später in das Tanzlokal „Big Ape“. Zu Musik von Marquis of Kensington hat Francesco Abate dort seine Frau kennengelernt. Ein Italiener und eine Deutsche. Für ihre Familie zumindest sei das kein Problem gewesen, erinnert er sich.

Und für Deutschland?


Folge 2: Generation Einwanderer-Kinder

Porträt von Gülşen Çelebi

Foto: Andreas Bretz

Wir schaffen das – aber wer ist „wir“?

Wie Francesco Abate sind viele Gastarbeiter in Deutschland geblieben. 1970 war der Ausländeranteil bereits auf 4,9 Prozent angewachsen. Doch wie die Gastarbeiter und ihre Familien in die Gesellschaft integriert werden sollten, wusste nach wie vor niemand so recht.

Dokument aus dem Ausländergesetz der Bundesrepublik Deutschland, §9

Quelle: Das Ausländergesetz der Bundesrepublik Deutschland

Die Frauen und Kinder der Gastarbeiter durften auf Grundlage des Ausländergesetzes von 1965 nach Deutschland kommen. Mit dem Anwerbestopp 1973 wurde der Familiennachzug sogar zur einzigen noch zugelassenen Form der Einwanderung. Nordrhein-Westfalen galt zu diesem Zeitpunkt neben Hessen, Baden-Württemberg und Bayern bereits als „überlastetes Siedlungsgebiet“. Erste Integrationsprobleme traten vor allem in Schulen auf.

Porträt von Gülşen Çelebi vor ihrer alten Schulee auf dem Geschwister-Scholl Gymnasium in Düsseldorf

Foto: Andreas Bretz

Gülşen Çelebi wurde 1971 in Düsseldorf geboren. Sie ist Tochter türkischer Einwanderer. An ihre frühe Kindheit habe sie nur gute Erinnerungen, sagt sie. Als Kind habe man zunächst kein Bewusstsein dafür, dass man mit ausländischen Wurzeln als „die Andere“ gelte, sagt sie. Anders sei es später in der Schule gewesen: „Wir hatten es nicht unbedingt immer leicht, man musste immer besser sein als die anderen, man musste erst einmal beweisen, dass man Deutsch kann“, erinnert sich Gülşen Çelebi.

1978 ernannte die Bundesregierung den früheren Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn, zum ersten Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, der damals noch Beauftragter „zur Förderung der Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen“ hieß. Heute hat diesen Posten Staatsministerin Aydan Özoğuz inne.

Dokument aus dem Memorandum, Seite 16

Quelle: Kühn-Memorandum

In einem Memorandum forderte Kühn ein Jahr später die damalige SPD/FDP-Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt dazu auf, die Einwanderungssituation im Land endlich auch als eine solche anzuerkennen. Die „zweite Generation“ sollte anders als ihre Eltern an der Gesellschaft teilhaben können und gleichgestellt werden, so die Forderungen des Integrationsbeauftragten.

Doch die Wende in der Ausländerpolitik blieb aus. Sie war weiterhin auf Konzepte zur Integration auf Zeit ausgerichtet.

In diese noch immer nicht geregelte Einwanderungssituation stießen Mitte der 80er Jahre Asylsuchende aus Ost- und Südosteuropa, später auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien sowie Roma aus Rumänien und Bulgarien. In der Bevölkerung entwickelte sich eine Stimmung, die der heutigen ähnelt: Das Gefühl, die Politik sei gegenüber der Einwanderung konzeptlos, mündete in hitzige Debatten über Arbeitsmigration und Asyl.

Logo der gelben Hand „Mach meinen Kumpel nicht an

Foto: Privat

Eine erste Reaktion auf die erstarkende Fremdenfeindlichkeit war der gewerkschaftliche „Kumpelverein“, der sich 1986 unter dem Logo der gelben Hand „Mach meinen Kumpel nicht an!“ gründete. Gülşen Çelebi erinnert sich: „Wir hatten erstmals eine Stimme.“


Folge 3: Generation Migrationshintergrund

Foto mit Emre Özekinci und Abdi Osman

Foto: Andreas Bretz

Wir schaffen das – aber warum ist das so schwierig?

Doch in der öffentlichen Debatte wurde Zuwanderung weiterhin als ein ungelöstes Problem wahrgenommen. Anfang der 90er Jahre gipfelte der Protest in rechtsextremer Gewalt: Bei einem Brandanschlag in Solingen auf ein Zweifamilienhaus starben am 29. Mai 1993 fünf Menschen, 17 weitere erlitten zum Teil bleibende Verletzungen.

1991 trat schließlich ein neues Ausländergesetz in Kraft, das es der „zweiten Generation“ erleichtern sollte, eingebürgert zu werden. Gleichzeitig wurden damit die Befugnisse erweitert, Ausländer auszuweisen - etwa, wenn der Aufenthalt „die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder sonstige erhebliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland“ beeinträchtigte (Ausländergesetz §45).

Abdi Osman als Kind

Foto: Andreas Bretz

Abdi Osman wurde 1995 in der somalischen Hauptstadt Mogadischu geboren. Als er sechs war, flohen seine Eltern vor dem Bürgerkrieg zunächst in die Niederlande, dann nach Deutschland. „Am Anfang war es schwer“, sagt Abdi Osman. Vorurteilen versuche er etwas entgegenzusetzen. „Wenn man mit den Menschen redet, ändern sich ganz schnell die Bilder“, sagt der 21-Jährige.

Foto vonn Emre Özekinci

Foto: Andreas Bretz

Emre Özekinci wurde im Jahr 2000 in Deutschland geboren. Er versteht nicht, warum es ihn zu einem anderen Menschen machen solle, dass seine Eltern aus der Türkei stammen. „Ich bin doch nicht anders“, sagt Emre Özekinci. Wenn er von der Türkei erzählt, strahlen seine Augen. Die Türkei sei seine „Heimat“. Seine Zukunft aber liege in Mönchengladbach.

Abdi Osman und Emre Özekinci leben in Mönchengladbach-Odenkirchen, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil.


Folge 4: Generation Flüchtling

Foto mit Riham Said und Tawfik Daas

Foto: Lisa Kreuzmann

Schaffen wir das?

Und 2015? Wir schaffen das schon, haben die einen gesagt. Wir wollen unser Deutschland zurück, die anderen. Dabei ist Deutschland nach 60 Jahren Einwanderungsgeschichte längst zu einem Einwanderungsland geworden. Nur nennen wollte Deutschland das so nicht.

Rechter Protest in Duisburg

Foto: Christoph Reichwein

Erst seit 2005 regelt ein Zuwanderungsgesetz, wer nach Deutschland kommen und wer bleiben darf. Der politische Konsens lautet: Die deutsche Wirtschaft braucht Zuwanderer – immer noch.

Zum Grundangebot der Integration zählt heute die Teilnahme an einem Integrationskurs. „Wir haben darin viel gelernt“, sagen Riham Said und Tawfik Daas. Aber reicht das auch?

Abdi Osman und Emre Özekinci flüchten mit dem Boot

Foto: Privat

Die Flucht hat die beiden Syrer 3000 Dollar gekostet. Sie haben in Flüchtlingsheimen in Dortmund, Meerbusch und Grevenbroich gelebt. Riham Said und Tawfik Daas sind Ingenieure. Riham Said trägt Kopftuch. Damit könne sie aber alles machen: lernen, arbeiten, eben alles.


Schaffen wir das jetzt? Vier Antworten auf eine der schwierigsten Fragen unserer Zeit

„Natürlich“, sagt Gülşen Çelebi. Die Düsseldorferin ist Anwältin für Ausländerrecht geworden und politische Aktivistin. 2015 erhielt sie den Dachau-Preis für Zivilcourage, demonstrierte mehrfach öffentlichkeitswirksam gegen die Düsseldorfer „Dügida“-Bewegung.

Etwas skeptischer sind Abdi Osman und Emre Özekinci: Man könne das schon schaffen, sagen die beiden, „man muss nur wissen, wie man diese ganzen Mengen an Flüchtlingen in den Griff kriegt“, sagt Abdi Osman. Und Emre Özekinci sorgt sich nach der Kölner Silvesternacht um den Ruf von jungen Männern wie ihm, mit Migrationshintergrund. Das Ganze müssen eben besser koordiniert und gesteuert werden, sagt Emre Özekinci. Flüchtlinge müssten auf mehr Städte verteilt werden.

Franceso Abate erinnert sich an 1966: „Die Deutschen waren froh, dass wir da waren“, sagt der 70-Jährige. „So etwas wie Fremdenhass gab es damals nicht.“Abate, der sich selbst für Flüchtlinge engagiert, glaubt an die Willkommenskultur: Angela Merkel habe alles richtig gemacht, die Grenzen nicht zu schließen, sagt er. Man müsse den neuen Migranten Zeit lassen sich einzuleben.

Riham Said und Tawfik Daas erwarten ein Kind. Sie sind sich sicher, dass Flüchtlinge “viel Gutes für Deutschland” tun werden. Sie glauben an ihre Zukunft in Deutschland. „Angela Merkel hat uns ihr Vertrauen geschenkt“, sagt Tawfik Daas. „Sie muss sich bewusst gewesen sein, dass wir unser Leben in Deutschland selbst in die Hand nehmen werden, dass wir Arbeit finden werden“, sagt der 28-Jährige. Ihr Leben in Deutschland wird gut, davon sind sie überzeugt. „Wir können die Zukunft zusammen gestalten “, sagt Riham Said. „Ja, wir schaffen das“, sagt ihr Mann.

Jahrzehntelang wurde das Thema Einwanderung in Deutschland verdrängt und unzureichend gesteuert. Das Jahr 2015 musste erst kommen und mit ihm die Flüchtlingskrise, die Rede einer Kanzlerin, in der sie sagte: „Wir schaffen das.“

Laut einer Studie des GfK-Vereins von 2015 betrachten die meisten Deutschen erstmals seit über 20 Jahren Zuwanderung als dringendste Aufgabe. Mit Angela Merkels Worten schien zumindest kurzzeitig das Bewusstsein dafür geschaffen, dass Integration nicht von allein passiert. Menschen, die nach Deutschland kommen, dürfen nicht sich selbst überlassen werden, so der Tenor.

Schaffen wir das jetzt?

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Von Lisa Kreuzmann (Recherche, Text und Video), Phil Ninh (Design und Programmierung)

Speziellen Dank auch an Christian Herrendorf (Redaktion), Sven Grest (Text), Dominik Jungheim (Video), Vera Kämper (Text)


RP ONLINE, 30.03.2020

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