NRW-Lexikon

Inklusion an Schulen -
verständlich erklärt

Warum wurde das Konzept der Inklusion in NRW eingeführt? An welchen Schulen funktioniert der inklusive Umgang mit behinderten Schülern? Und vor allem: Warum scheitert Inklusion mancherorts? In unserem neuen Erklärformat, dem NRW-Lexikon, beantworten wir die wichtigsten Fragen zum Thema.

Von Frank Vollmer, Phil Ninh und Timm Goldbach




Titel

Was ist Inklusion?

Das Wort «Inklusion» ist auf die Tafel geschrieben Quelle: Jonas Güttler, dpaDas Wort «Inklusion» steht auf einer Tafel geschrieben. Quelle: Jonas Güttler, dpa

„Inklusion“ kommt vom lateinischen Verb „includere“ und bedeutet „Einschluss“. Konkret soll das heißen: Menschen mit Behinderung in den Alltag nicht behinderter Menschen einzubeziehen.

Inklusion ist damit das Gegenteil von Exklusion, dem Ausschluss dieser Menschen; schulische Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen, Handicap oder Lernstörungen, ist eine Unterform der Inklusion.

Inklusion ist nicht zu verwechseln mit Integration, sie geht darüber hinaus: Menschen mit Behinderung sollen nicht nur als eigene Gruppe, eben als Behinderte, vom Rest der Gesellschaft in ihren Alltag einbezogen werden – Inklusion soll ein ganz neues Miteinander schaffen, indem sich auch die Mehrheitsgesellschaft auf die Bedürfnisse der Menschen mit Handicap einlässt und sich entsprechend verändert.

Schulische Inklusion bedeutet deshalb: Behinderte Schüler nehmen nicht nur am „normalen“ Unterricht allgemeiner Schulen teil; diese Schulen, ihre Lehrer und Schüler stellen sich auch auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Handicap ein und ändern ihre Verhaltensweisen.

Wie war der Umgang mit behinderten Kindern bisher gelöst?

Schüler sind nahe einer Grundschule unterwegs. Quelle: Arne Dedert, dpaSchüler sind nahe einer Grundschule unterwegs. Quelle: Arne Dedert, dpa

Deutschland hat ein starkes und sehr differenziertes Förderschulwesen. Diese früher Sonderschulen genannten Einrichtungen kümmerten sich lange um den größten Teil der behinderten Kinder. Anfang der 90er-Jahre zum Beispiel betrug die Inklusionsquote, also der Anteil der Kinder mit Behinderung, die an einer Regelschule lernen, in Nordrhein-Westfalen nur gut ein Prozent; zehn Jahre später waren es zehn Prozent.

In NRW gibt es sieben Förderschwerpunkte, die sich in zwei Gruppen gliedern: „Lernen“, „Emotionale und soziale Entwicklung“ sowie „Sprache“ werden häufig als „LES“ zusammengefasst („Lern- und Entwicklungsstörungen“) – darunter werden häufig die Kinder verstanden, deren Inklusion technisch einfacher ist. Anders gesagt: Der gemeinsame Unterricht mit diesen Kindern erfordert vor allem zusätzliches Personal und zusätzliche Kenntnisse. Diese Gruppe braucht im gemeinsamen Unterricht an Regelschulen nach Einschätzung vieler Lehrer besonders viel Unterstützung. Die restlichen vier Schwerpunkte – „Körperliche und motorische Entwicklung“, „Geistige Entwicklung“, „Hören und Kommunikation“ sowie „Sehen“ – bezeichnen dagegen, was landläufig häufig als Behinderung (körperlich oder geistig) bekannt ist: Kinder, die vor allem technische Unterstützung oder extrem intensive Betreuung durch Fachleute erfordern.

Welche Kinder betrifft Inklusion?

Trommelunterricht in einer inklusiven Schulband. Quelle: Markus Scholz, dpaTrommelunterricht in einer inklusiven Schulband. Quelle: Markus Scholz, dpa

Alle Kinder, bei denen „sonderpädagogischer Förderbedarf“ festgestellt wird. Weil für diese Kinder die „Ausbildungsordnung Sonderpädagogische Förderung“ gilt, wird das Verfahren auch oft mit „AOSF“ abgekürzt.

Den Antrag auf Feststellung eines solchen Förderbedarfs stellen die Eltern, in Ausnahmefällen auch die Schule. Ein Sonderpädagoge und ein Regelschullehrer schreiben ein pädagogisches Gutachten; ein Schularzt des Gesundheitsamts schreibt gegebenenfalls ein medizinisches Gutachten. Auf dieser Grundlage entscheidet dann die Bezirksregierung über den Förderbedarf.

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben in NRW seit 2014 einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule, aber nicht an einer bestimmten Schule. Im Schuljahr 2017/18 gibt es in Nordrhein-Westfalen gut 140.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, knapp sechs Prozent aller Schüler. Zehn Jahre zuvor waren es erst knapp 128.000 oder 4,5 Prozent. Anteil und Zahl der Förderkinder steigen also. Warum, ist umstritten: weil mehr Kinder zum Beispiel Lernstörungen haben? Oder weil Ärzte und Lehrer heute einfach sensibler für das Thema sind und häufiger die Diagnose stellen? Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht.

Die Förderbedarfsquoten in den einzelnen Bundesländern schwanken stark und liegen teils doppelt so hoch wie in NRW. Kinder aus armen Familien besuchen viel häufiger Förderschulen als Kinder reicherer Eltern.

Wie viele Kinder in NRW mit Förderbedarf gehen auf eine Förderschule, wie viele auf eine Regelschule?

Ein Schild weist darauf hin, dass Fußgänger links eine Treppe und Rollstuhlfahrer rechts eine Auffahrt benutzen können. Quelle: Fredrik von Erichsen,dpaEin Schild weist darauf hin, dass Fußgänger links eine Treppe und Rollstuhlfahrer rechts eine Auffahrt benutzen können. Quelle: Fredrik von Erichsen,dpa

Im Schuljahr 2017/18 gehen „nur“ noch gut 80.000 der 140.000 Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf auf eine Förderschule. Gut 41 Prozent besuchen allgemeine Schulen, vor allem Grund- und Gesamtschulen.

Sehr unterschiedlich ist die Inklusionsquote, wenn man nach Förderschwerpunkten differenziert: So geht inzwischen die Hälfte der LES-Kinder, also derer mit Lern- und Entwicklungsstörungen, auf eine Regelschule; bei den geistig Behinderten ist es nur jeder Achte.

Warum wurde das Konzept der Inklusion in NRW eingeführt?

Das Wort «Inklusion» steht auf der Scheibe einer Klassenraumtür geschrieben. Quelle: Jonas Güttler, dpaDas Wort «Inklusion» steht auf der Scheibe einer Klassenraumtür geschrieben. Quelle: Jonas Güttler, dpa

Die Inklusion ist in gewisser Weise ein Sonderfall: Nordrhein-Westfalen hat den gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder nicht eingeführt, um ein politisches Ziel zu erreichen, sondern um ein Menschenrecht umzusetzen. Denn die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verpflichtet ihre Unterzeichner, darunter Deutschland, allen Menschen eine uneingeschränkte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Auf die Schule bezogen, bedeutet das: Die Staaten stellen sicher, „dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“, wie es in Artikel 24 heißt. Der Rechtsanspruch auf einen Regelschulplatz in NRW soll das sicherstellen.

Eine Pflicht, Kinder mit Handicap in Regelschulen zu unterrichten, begründet die Konvention aber nicht.

An welchen Stellen hakt es in der Umsetzung?

Ein Rollstuhl steht in einem Klassenzimmer. Quelle: Maurizio Gambarini, dpaEin Rollstuhl steht in einem Klassenzimmer. Quelle: Maurizio Gambarini, dpa

Kritiker meinen: an fast allen. Das ist natürlich undifferenziert, enthält aber einen wahren Kern. Stark vereinfachend lässt sich sagen:

Konservative Politiker und Verbände kritisieren, dass zu viel Inklusion zu schnell umgesetzt worden sei, während linke Akteure und Behindertenverbände eher beklagen, in der Mehrheitsgesellschaft gebe es zu viele Vorbehalte gegen die Inklusion.

Grundsätzlich fehlen viele Lehrer, weil nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung steht. Vor allem Sonderpädagogen werden gebraucht – die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beziffert die Lücke allein für NRW auf mindestens 7000 Personen.

Vor allem Lehrerverbände fordern immer wieder, in Inklusionsklassen müssten durchgehend zwei Pädagogen tätig sein, um allen Kindern gerecht werden zu können. Selbst wenn dafür das Geld vorhanden wäre (was vor allem die jeweiligen Regierungsparteien stets vehement verneinen), gäbe es aber die Lehrer noch nicht: Sie müssen erst ausgebildet werden.

Viele Lehrer, die Inklusionsklassen unterrichten müssen, beklagen zudem, sie seien nur in Crashkursen auf die neue Herausforderung vorbereitet worden. Der vielerorts schleppende barrierefreie Umbau der Schulgebäude ist angesichts dessen fast eine Kleinigkeit.

Wie diskutieren die Parteien in NRW über das Thema?

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Landtag. Quelle: Frederico Gambarini, dpaNRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Landtag. Quelle: Frederico Gambarini, dpa

So weit wie die AfD, die die Inklusion als „in sich schadhafte Idee“ bezeichnet, gehen die anderen Parteien im Landtag nicht. Der inklusive Elan hat allerdings seit dem Regierungswechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb 2017 merklich nachgelassen. Während die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann sich stets auf den Elternwillen berief und damit auch die Schließungen von Förderschulen erklärte (in ihrer Amtszeit sank deren Zahl um ein Viertel), hat ihre Nachfolgerin Yvonne Gebauer als eine ihrer ersten Amtshandlungen eine Rettungsaktion gestartet, um Förderschul-Schließungen zu verhindern; das betraf allerdings am Ende nur ein gutes Dutzend Schulen.

Gebauer hat im Juli 2018 Eckpunkte für eine „Neuausrichtung“ der Inklusion an Schulen vorgelegt – darin schlägt sich der Kurswechsel nieder. Die Eckpunkte legen unter anderem Qualitätsstandards fest. So soll nur noch an solchen Schulen inklusiv unterrichtet werden, die dafür ein pädagogisches Konzept haben, deren Kollegium fortgebildet wurde oder wird, an denen Sonderpädagogen unterrichten und an denen Räume für gemeinsamen Unterricht zur Verfügung stehen. Dass das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, aber offenbar keine ist, weist auf die gravierenden Mängel bei der Umsetzung der Inklusion in NRW hin. Gebauer will zudem die Inklusionsstandorte bündeln: Weiterführende Inklusionsschulen sollen künftig durchschnittlich drei Förderschüler pro Eingangsklasse aufnehmen; bei einer vierzügigen Schule wären das also zwölf Förderschüler in Jahrgangsstufe 5. Wird diese Zahl unterschritten, sollen Schulen aus dem gemeinsamen Lernen herausfallen können. Wird sie umgekehrt überschritten, sollen weitere Schulen gemeinsames Lernen anbieten können.

Wo funktioniert Inklusion bereits?

Zwei Kinder melden sich in einer Schulklasse. Quelle: David-Wolfgang Ebener, dpaZwei Kinder melden sich in einer Schulklasse. Quelle: David-Wolfgang Ebener, dpa

Kein Bundesland oder kein Staat hat das Patentrezept in Sachen Inklusion gefunden. Stattdessen gibt es viele einzelne Ideen, Projekte und Initiativen.

So loben Schulleiter die Bremer dafür, Regel- und Förderschulen unter ein Dach gebracht zu haben, was die Flexibilität erhöhe. Sachsen-Anhalt will Förderschulklassen an Regelschulen möglich machen, was in dieselbe Richtung zielt; NRW plant etwas Ähnliches. Bildungsforscher loben Berlin, weil dort Inklusion Teil der Lehrerausbildung sei. Was die Schulformen angeht, lässt sich sagen: Inklusion funktioniert eher dort, wo es bereits Erfahrungen mit heterogener Schülerschaft gibt, nämlich an Grund- und Gesamtschulen.

Was bedeutet Inklusion für Erzieher und Lehrer?

Schüler spielen unter Anleitung ein Lernspiel. Quelle: Holger Hollemann, dpaSchüler spielen unter Anleitung ein Lernspiel. Quelle: Holger Hollemann, dpa

In einer bundesweiten Forsa-Umfrage unter Schulleitern rangierte die Inklusion 2018 nach dem Lehrermangel auf Platz 2 der größten Probleme. Dabei hatten bereits 2017 eine knappe Mehrheit der Lehrer in Deutschland (54 Prozent) und eine etwas deutlichere Mehrheit in NRW (60 Prozent) der Aussage zugestimmt, gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung sei grundsätzlich sinnvoll. Nur eine verschwindend kleine Minderheit allerdings will dafür alle Förderschulen abschaffen.

Die weiteren Ergebnisse dieser Forsa-Erhebung zeigen recht klar, was den Lehrern bei der Inklusion gegen den Strich geht: zu wenig sonderpädagogische Kenntnisse der Lehrer, die inklusiv unterrichten müssen, mangelnde Vorbereitung, auch in der Ausbildung, zu wenig Fortbildungen, häufig keine konkreten Ansprechpartner, um sich Rat zu holen, und oft keine Hilfe bei der Bewältigung der körperlichen und seelischen Belastung durch die neuen Aufgaben. 24 Prozent der Lehrer an inklusiven Schulen gaben an, die Lehrer gäben ihren Schülern selbst die erforderlichen Medikamente – für viele Pädagogen ein Unding.

Was bedeutet Inklusion für Mitschüler und Eltern?

Inklusiver Unterricht (Symbolfoto). Quelle: Oliver Berg, dpaInklusiver Unterricht (Symbolfoto). Quelle: Oliver Berg, dpa

Gerade Kinder, die in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung gestört sind, lernen überdurchschnittlich häufig an Regelschulen. Weil aber häufig Räume oder zusätzliche Pädagogen fehlen, kann es passieren, dass diese Kinder den geregelten Unterricht sprengen. Dennoch lässt sich etwa aus wissenschaftlichen Studien nicht klar belegen, dass inklusiver Unterricht die nicht behinderten Schüler benachteiligen würde.

Behinderte Kinder wiederum lernen, so betonen es viele Studien, an Regelschulen besser; auch diese Ergebnisse stehen allerdings in der Kritik, etwa weil sich die Forscher vor allem auf Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen konzentriert haben. Die Probleme sind aber insgesamt zum Beispiel an Gymnasien größer als an Grundschulen – Gymnasien haben laut Schulgesetz die Aufgabe, ihre Schüler auf ein wissenschaftliches Studium vorzubereiten. Die verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten unter einen Hut zu bringen, wird umso schwieriger, je höher die Anforderungen der Schulform sind. Die schwarz-gelbe Landesregierung will die Gymnasien bei der Inklusion daher entlasten: Sie sollen nur noch Schüler aufnehmen, die mit dem realistischen Ziel Abitur unterrichtet werden können.

Umgekehrt haben Gesamtschulen häufig schon jahrelange Erfahrungen mit solcher Differenzierung und mit integrativen Klassen. Für die Eltern gilt: Wer bereits Erfahrungen mit Inklusion gemacht hat, beurteilt sie häufig positiv.

So etwa in einer Bertelsmann-Studie 2015: Von den 36 Prozent, deren Kinder (egal ob mit oder ohne Behinderung) eine inklusive Schule besuchten, sagten drei Viertel, ihre Erfahrungen mit dem gemeinsamen Unterricht seien positiv. Eine Emnid-Umfrage 2017 ergab allerdings auch deutliche Nuancen bei der Zustimmung zur Inklusion: So sagten 89 Prozent der befragten Eltern, gemeinsamer Unterricht mit körperbehinderten Kindern sei sinnvoll. In Bezug auf Kinder mit Lernschwierigkeiten lag der Anteil bei 71 Prozent, für verhaltensauffällige Kinder bei 49 Prozent und für geistig behinderte Kinder nur noch bei 41 Prozent.




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Von Frank Vollmer (Text), Phil Ninh (Design und Programmierung), Timm Goldbach (Programmierung)




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