Vielfalt der Sprache


SagenSiemal

Sprachenatlas: Wo sagt man was

Weckmann oder Stutenkerl? Viertel nach zehn oder viertel elf? Kommt drauf an, woher man kommt. Der Atlas der Alltagssprache zeigt die Vielfalt des Deutschen. Und jeder kann mitmachen - Karten zeigen, welche Begriffe Teilnehmer des Projekts nannten.

Geschrieben von Frank Vollmer

Wenige Kilometer können entscheidend sein: Wie man das Kerngehäuse des Apfels, das Ende des Brotlaibs oder die Hausschuhe bezeichnet, variiert - teils so stark, dass irritierte Blicke erntet, wer ohne nachzudenken die Umgangssprache seiner Heimat benutzt. Die ganze Vielfalt abseits des Hochdeutschen offenbart der Atlas der Alltagssprache, ein Online-Mitmachprojekt.

Donnerstag vor dem Rosenmontag

Wer nicht vernünftig Karneval feiert, hat auch kein Wort für den Donnerstag vor Rosenmontag – wie weite Teile des Nordens. „Altweiber“ hört man praktisch nur am Niederrhein und im Münsterland, während die Mitte des Landes zur „Weiberfastnacht“ tendiert. Im Süden ist der Donnerstag eher „Schmutzig“, „Glumpig“ oder „Unsinnig“ – der erste Ausdruck weist auf die fetten Speisen hin, die traditionell verzehrt werden, die beiden anderen beziehen sich auf die Ausgelassenheit.


Berliner

„Eine recht stabile großräumige Verteilung“ stellt der Atlas der Alltagssprache bei den Ausdrücken für das runde Fettgebäck fest. Oder anders: Westen gegen Osten gegen Bayern/Hessen. Im Westen „Berliner“, im Osten einschließlich Berlin „Pfannkuchen“ (der westdeutsche „Pfannkuchen“ heißt dort meist „Eierkuchen“ oder „Plinse“), in Bayern und Hessen „Krapfen“ oder, als Verkleinerungsform, „Kräppel“. In Thüringen hat der „Pfannkuchen“ in den letzten 40 Jahren den „Kräppel“ verdrängt.


Hähnchen

Im Osten heißt der gebratene oder gegrillte Vogel immer noch „Broiler“, wie zu DDR-Zeiten – das Wort wurde wohl in den 60er Jahren aus dem Englischen entlehnt. Auf der Westschiene dominiert das „Hähnchen“, während der Süden grob dreigeteilt ist: In Oberbayern sagt man eher „Hendl“ (wie in Österreich), in Baden und Franken ebenfalls häufig „Hähnchen“, dazwischen „Gockel“ oder ähnlich. Um die Verwirrung komplett zu machen: Längst nicht alle, die den lebenden Hahn traditionell „Gockel“ nennen, nennen auch den gebratenen so.


Ein Bier bitte!

Wir befinden uns im Jahre 2020 nach Christus. Ganz Norddeutschland ist von der Pilsindustrie besetzt... Ganz Norddeutschland? Nein! Eine kleine obergärige Insel im Rheinland hört nicht auf, der Übermacht Widerstand zu leisten. Wer „ein Bier“ bestellt, ohne weitere Erläuterung, bekommt ausweislich der Teilnehmer-Antworten tatsächlich nur im Düsseldorfer Raum, schon nicht mehr am Niederrhein, ein Alt hingestellt. Der Kölsch-Raum ist schon deutlich größer, im Süden wird eher Export oder ein Helles serviert. Der Rest ist Pils.


10.15 Uhr

Ein Klassiker – und zugleich eine einigermaßen kurios aussehende Karte: In Deutschland sagt man „viertel nach zehn“, wenn es 10.15 Uhr ist – außer in einem breiten Streifen zwischen Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern, da rechnet man von der nächsten vollen Stunde herunter und sagt „viertel elf“. In ein ähnliches System gehört nach Angaben der Atlas-Germanisten übrigens die Bezeichnung „anderthalb“ statt „eineinhalb“: „die Hälfte vom anderen/Zweiten“.


Gebäck aus dem Supermarkt

Der Keks war mal ein Plural: als Eindeutschung der englischen „cakes“. Aber die Deutschen haben ihn um 1900 zu einem Singular gemacht und den Plural „Kekse“ hinzuerfunden. Wer im Supermarkt so etwas kauft, wird im Großteil des Landes auch „Kekse“ dazu sagen; vor allem in NRW und in einem Streifen in der Mitte allerdings sind (auch) die „Plätzchen“ gebräuchlich. Wenn es um Selbstgemachtes geht, gilt übrigens in fast ganz Deutschland: Das sind „Plätzchen“.


Schluckauf

Der „Schluckauf“ ist auf dem Vormarsch – zum Glück nicht medizinisch, aber sprachlich. In den 70er Jahren sagte man so vor allem in Norddeutschland, heute bis mindestens hinunter zum Main. Nebenformen wie „Schlick(s)“ oder das in der DDR gebräuchliche „Schlucken“ sind fast ausgestorben. In Bayern hat man einen „Schnackler“, im Südwesten einen „Gluckser“ oder „Hickser“, jeweils mit Varianten. Das alles gilt für das Sprechen mit Kindern – gegenüber dem Arzt dominiert in ganz Deutschland eindeutig der „Schluckauf“.


Fußball spielen

Bei Borussia Dortmund wussten sie schon, warum sie Trainer Jürgen Klopp eine Schirmmütze mit der Aufschrift „Pöhler“ aufsetzten: „Pöhlen“ als Ausdruck für „freizeitmäßig Fußball spielen“ ist ausweislich des Atlas ausschließlich im Ruhrgebiet beheimatet. Vor allem im Westen und Süden wird ansonsten „gekickt“, in weiten Teilen des Landes aber eher „gebolzt“. Sachsen „bäbbeln“ bisweilen noch – und haben diesen Ausdruck 2010 sogar zum sächsischen Wort des Jahres gewählt.


Wählerisch beim Essen

Nordrhein-Westfalen ist eben doch ein kompliziertes Gebilde, wie diese Kulinarik-Karte zeigt. Beim Alltagsausdruck für „wählerisch“ herrscht geradezu Chaos, mit Vorteilen für „mäkelig“ und „pingelig“, aber auch „schnücksch“ ist gebräuchlich, „leksch“ und „heikel“. Auch Deutschland insgesamt zeigt ein buntes Bild, von "klott" im Südwesten bis "krüsch" in Schleswig-Holstein und Hamburg.


Hefegebäckmann

Die Spaltung des Bindestrichlands Nordrhein-Westfalen wird selten so deutlich wie an diesem Beispiel: Rheinländer sagen, wie mit Abwandlungen die Mehrheit im Südwesten, „Weckmann“ zu dem Gebäck, das an Sankt Martin oder im Advent hergestellt und verkauft wird, die Westfalen bevorzugen wie der Nordwesten „Stutenkerl“. Wer das leckere Gebäck traditionell überhaupt nicht kennt, hat auch kein Wort dafür - so ist es vor allem in Ostdeutschland. In Bayern gibt es einen "Krampus"-Schwerpunkt.

Stephan Elspaß | Foto: privat

Einer der beiden Begründer des Atlas der Alltagssprache ist Stephan Elspaß, geboren 1963 in Geniel (inzwischen Geldern) im Kreis Kleve, heute Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Salzburg. Der Atlas entstand 2002 aus einem seiner Seminar-Projekte, zunächst mit gut 1400 Teilnehmern. Inzwischen sind es nach Elspaß' Angaben mehr als 20.000, davon zum Beispiel 175 in Düsseldorf und 35 in seiner Heimat Geldern; derzeit läuft der zwölfte Durchgang mit gut 60 Fragen, von "angeschickert" bis "Tornister". Die Karten zum Atlas liefert Co-Betreuer Robert Möller, Professor für Linguistik an der Universität Lüttich. „Vermutlich war das weltweit das erste Online-Projekt dieser Art“, sagt Elspaß.

Alle Karten und der Fragebogen sind zu finden unter: www.atlas-alltagssprache.de

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Von Frank Vollmer (Text), Carla Schnettler (Grafik), Clemens Boisserée (Design und Programmierung)




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