Bundestagswahl 2017

In diesen Orten hat sich die Wahl entschieden

Die Großen verlieren, die Kleinen können punkten – so lässt sich das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 zusammenfassen. Doch wo verlor die SPD ihre Hoheit? Wo sicherte sich die FDP den Wiedereinzug? Die Ergebnis-Analyse aus den 299 Wahlkreisen.

Von Clemens Boisserée und Phil Ninh

Und der Schulz-Zug ist doch gerollt – zumindest im Wahlkreis Aachen II, dem Heimat-Wahlkreis von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Nur hier konnte die SPD im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren Zweitstimmen hinzugewinnen – 2,9 Prozentpunkt immerhin. Gleichzeitig reichten die 36,5 Prozent Erststimmen (+ 1,5 Prozent), um das Direktmandat von der CDU zurück zu gewinnen. Würselen, wo Schulz einst Bürgermeister war, und die umliegenden Gemeinden werden künftig von Claudia Moll in Berlin vertreten. Schulz selbst trat nicht als Direktkandidat an.



Das gute Ergebnis vor der eigenen Haustür ist allerdings auch der einzige Trost für den 61-Jährigen, ansonsten gab es für seine Partei nur schallende Ohrfeigen. Bis zu 10,6 Prozent (in Kiel) verlor die SPD in der Wählergunst. Besonders im Ruhrgebiet, den einstigen Hochburgen der Sozialdemokraten, setzte es, wie schon bei der NRW-Landtagswahl im NRW, heftige Verluste. Bochum I, Duisburg II, Bottrop – Recklinghausen III, Herne – Bochum II, Essen II, Gelsenkirchen – in all diesen Wahlkreisen verlor die SPD mehr als acht Prozent ihrer Erststimmen von 2013.

Wo die CDU schwächelt, gewinnt die AfD

Es ist historisch, dass die CDU von den schwachen Ergebnissen des Volkspartei-Konkurrenten SPD nicht profitieren kann – im Gegenteil. Die gesamt Union – also inklusive der CSU in Bayern – musste in jedem der bundesweit 299 Wahlkreise Stimmen einbüßen. Ein dickes Minus von 2,84 Millionen verlorenen Stimmen steckt hinter dem vorläufigen Endergebnis.

Auffällig dabei: Die CDU schwächelte vor allem dort, wo die „Alternative für Deutschland“ (AfD) besonders stark war. Die „Flop zehn“ der CDU-Verluste finden sich allesamt in Sachsen, vorne weg im Wahlkreis der ehemaligen AfD-Chefin Frauke Petry in der Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Satte 19,9 Prozent der Zweitstimmen verlor die CDU hier, Petry holte gleichzeitig mit 36,8 Prozent das beste Ergebnis aller AfD-Direktkandidatin –nur um wenige Stunden später anzukündigen, im Bundestag nicht der Parteifraktion angehören zu wollen.

Doch nicht nur die Rechtspopulisten konnten Wählerstimmen von den beiden bisherigen Regierungsparteien abwerben. Auch bei FDP, Grünen und Linken zeigen die Richtungspfeile nach oben.

Für ihre Rückkehr in den Bundestag konnten sich die Liberalen vor allem auf ihre Bastionen in NRW verlassen. 19 der 20 Wahlkreise mit den höchsten FDP-Zugewinnen liegen in Nordrhein-Westfalen. Im Wahlkreis Düsseldorf I wurde die Partei bei den Zweistimmen mit 19,6 Prozent sogar zweistärkste Kraft (hinter der CDU). Insgesamt kam Christian Lindners Partei im Westen auf glatte 13 Prozent aller Stimmen.

Linke verliert im Osten und gewinnt in den Großstädten

Was der FDP der Westen, ist der Linkspartei ihr Osten – so war es zumindest jahrelang. Doch im September 2017 punktete die Linke vor allem in den Großstädten, und da wiederum vor allem in den Westdeutschen: Hamburg, Nürnberg, Bremen, Hannover, Berlin, München, Köln, Frankfurt – in all diesen Städten konnten die Linken mehr als 3,5 Prozent an Zweitstimmen zugewinnen. Abgestraft bzw. vom Rechtsrutsch erfasst wurden Sahra Wagenknecht und Co. hingegen in den alten Hochburgen der neuen Bundesländer. Besonders in den Wahlkreisen in Thüringen – wo mit Bodo Ramelow ein Linker Ministerpräsident ist – und in Sachsen-Anhalt verlor man – im extremsten Fall bis zu 8,3 Prozent (Mansfeld, Sachsen-Anhalt).

Bleiben die Grünen. Deren Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt hatte vor der Wahl selbstbewusst angekündigt, „locker“ drittstärkste Kraft zu werden. Gleichzeitig sah manche Umfrage das „Bündnis 90“ bei gerade noch sechs Prozent. Am Ende wurde es keins von beidem. In immerhin 166 Wahlkreisen konnten die Grünen zulegen, insbesondere im Süden der Republik, in Bayern und Baden-Württemberg. An Zweitstimmen verlor die Partei im schlimmsten Fall 1,4 Prozent – im hessischen Groß-Gerau. Allerdings: In 54 Wahlkreisen, allen voran in den neuen Bundesländern, aber auch in Olpe oder Gelsenkirchen, hätten es die Grünen nicht mal über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft.

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Von Clemens Boisserée (Text), Phil Ninh (Design)


RP ONLINE, 30.03.2020

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