Wetter-Einfluss

Winterzeit ist NO₂-Zeit

An kalten Tagen liegt besonders viel Stickstoffdioxid in der Luft. Grund dafür sind zum einen kalte Temperaturen, aber auch die Abgas-Technik der Dieselfahrzeuge.

Von Christina Rentmeister, Clemens Boisserée, Phil Ninh und Timm Goldbach



Fallen draußen die Temperaturen, steigen die Stickstoffdioxid-Werte. Denn: Die Abgasreinigung vieler Dieselfahrzeuge wird abgeschaltet. Die Technik ist auf Laborbedingungen von 20 bis 30 Grad optimiert. Unter diesen Konditionen wurden bisher die NO₂-Emissionen von Dieselfahrzeugen gemessen. Durch den Dieselskandal wurde bekannt, dass die Abgasreinigung von Stickoxiden bei Temperaturen unter zehn Grad nicht ausreichend funktioniert. Laut den Autoherstellern sei das nötig, um die Bauteile zu schützen.

Das Umweltbundesamt hat 2017 das Abgasverhalten von Diesel-Fahrzeugen im normalen Straßenverkehr und zu allen Jahreszeiten gemessen. Das Ergebnis: Schon unterhalb von 20 Grad steigen die Stickoxid-Emissionen, darunter auch NO₂, stark an.

Euro-6-Diesel halten Grenzwert nicht ein

Dabei spielt es keine Rolle, wie alt der Pkw ist. Denn auch die Euro-6-Diesel lagen deutlich über dem Grenzwert. Diesel dieser Klasse dürfen im Straßenbetrieb nicht mehr als 80 Milligramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft emittieren. “Die Euro-6-Diesel einiger Automarken überschreiten die Emissionswerte fast um das Zwanzigfache”, sagt Denis Pöhler, Umweltphysiker am Institut für Umwelttechnik der Universität Heidelberg. Mit mehreren Messreihen versucht er, den tatsächlichen NO₂-Belastungen auf die Spur zu kommen. Unter anderem mit Messgeräten, die den NO₂-Ausstoß direkt in der Abgasfahne der Fahrzeuge ermitteln.

Was Stickstoffdioxid für unsere Gesundheit bedeutet, lesen Sie hier: Das unsichtbare Gas, das krank macht

Sein Ergebnis: Nur Diesel der neuen Euro-6-Generation (Euro-6d) würden die Grenzwerte auf der Straße tatsächlich einhalten – selbst bei noch kaltem Motor auf den ersten Kilometern nach dem Start. Deren Technik zur Abgasnachbereitung ist darauf ausgelegt, den Großteil des NO₂ unter allen Bedingungen herauszufiltern.

Stickstoffdioxid verdünnt sich bei Kälte schlechter

Doch nicht nur die niedrigen Temperaturen sorgen im Winter für hohe NO₂-Werte. Ein weiterer Grund: Kalte Luft bleibt am Boden, das Stickstoffdioxid also auch. Im Sommer steigen die Luftmassen hingegen auf. So könne sich das NO₂ auf einer viel größeren Höhe verteilen und mit sauberer Luft mischen, sagt Pöhler. Am höchsten sei die NO₂-Konzentration zwischen den Häuserreihen, wenn es kalt und windstill sei. Denn auch der Wind sorge dafür, dass das Gas von der Straße weggetragen werde.

Schauen Sie sich in unserer interaktiven Grafik an, wie hoch der NO₂-Wert in Ihrer Nähe ist: So hoch ist der NO₂-Wert in den NRW-Städten

Vereinzelt kann es laut dem Experten aber auch im Sommer zu sehr hohen NO₂-Konzentrationen in der Luft kommen. Wenn es heiß und schwül ist, die warme Luft also quasi in den Straßen steht. Wie zum Beispiel am 26. August 2016. Am Clevischen Ring in Köln lag der Mittelwert aller Stunden an diesem Tag bei 125,3 Mikrogramm. Der zweithöchste Tageswert des Jahre 2016 in NRW.

Die höchsten Stickstoffdioxid-Tageswerte (NO2) in NRW im Jahr 2016

Die Daten des Umweltbundesamtes geben für die NO2-Messstellen in NRW für jeden Tag einen Tagesmittelwert an. Hier sehen Sie die 10 höchsten Werte mit dem Datum und den Stationen, an denen der Wert gemessen wurde.

Platz TMW Datum Stationsname
Platz TMW Datum Stationsname

Grafik: Christina Rentmeister Quelle: Umweltbundesamt

Hinzu kommt der sogenannte Schluchteneffekt. Die Straßen in den großen Innenstädten sind links und rechts zumeist von hohen Häuserreihen eingeschlossen. Sie sperren das NO₂ quasi ein. Es kann sich nur schwer in der Fläche ausbreiten und mit anderer Luft vermischen. Es bleibt auf Straße und Bürgersteig hängen.

Hier können Sie mehr über die NO₂-Werte in Düsseldorf lesen: Präzedenzfall Düsseldorf - Diesel-Fahrverbot als letzte Lösung?

Besonders hoch ist die NO₂-Konzentration im Berufsverkehr, Extremwerte entstehen: 1229 Mikrogramm haben Umweltphysiker Pöhler und seine Kollegen am Bresslauer Platz in Köln gemessen.

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Von Christina Rentmeister (Text), Clemens Boisserée (Programmierung), Phil Ninh (Design und Programmierung), Timm Goldbach (Programmierung)

Speziellen Dank auch an David Young (Titeloptik)


RP ONLINE, 20.02.2018

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